Welcome to Mumbai's Backstage

by Ulf Pape 28.06.2013

Mitten in der Mega-Metropole Mumbai liegt Dharavi, einer der größten Slums der Welt. Ein Großteil von Mumbais Müll wird hier von Hand sortiert und recycelt. Wer nicht unbedingt dorthin muss, lässt es. Doch Ende letzten Jahres kamen drei amerikanische Künstler, mit der Idee, den Slum zu verschönern. Das wollte ich sehen, machte mich auf den Weg nach Dharavi – und fand mehr als ich vertrug. Die Künstler sind verschwunden. Stattdessen treffe ich auf einen Unternehmer, der sein Geschäft und den Rest des Slums vor dem Abriss retten will.

Aus einer untergehenden Welt berichtet Ulf Pape.

Ravi Bhanushali steht auf der europäischen Brücke. Sie ist nach den weißen Ausländern benannt, die in diesen Teil Dharavis kommen. Unter ihr liegen acht Bahngleise, die Mahim-Station. Der Bahnhof ist die westliche Grenze des Slums. Ravis rechter Arm zieht einen weiten Bogen Richtung Osten. "Das ist der Sanaullah Compound. Nächste Woche wird hier alles abgerissen." Bis zum Horizont ist nichts anderes zu sehen als Hütten. Rostende Wellblechhütten, auf deren Dächern zerschlissene, blaue Planen liegen, wie Mützen, die vor dem Monsun schützen sollen, der vier Monate lang über Mumbai wütet. An den Fronten hängen Werbeschilder. Handy-Shops, Imbissküchen, Copy-Shops, allerlei Handwerkskünste, die in Hindi, Marathi, Englisch oder Urdu dargeboten werden. Weiter im Osten ragen an manchen Stellen Beton-Wohnsilos in den Himmel. Vertical Slums. Städtische Maßnahmen, um Platz zu schaffen. Aber der Slum wächst immer wieder nach, dehnt sich aus. Direkt am unteren Ende der Treppe, die von der europäischen Brücke in das Innere führt, steht eine kleine Fleischerei. Federlose Viecher brüllen aus winzigen Drahtkäfigen. Dunkelrote Filets liegen in der Nachmittagssonne, ein kleiner Haufen abgeschlagener Hühnerköpfe, von hunderten Fliegen umschwirrt, tropfendes Blut, als erste Begrüßung in einer anderen Welt.

 

Ich wusste, dass ich diese Welt nicht allein betreten könnte. Ich telefonierte mit Bekannten, erhielt eine Absage nach der anderen. "If you want to be raped, robbed and stabbed GO there, but I won't be your company." – "Oh, I'm so sorry, I am in Delhi this weekend." – "Are you crazy? No one goes to Dharavi."

Mythen ranken sich um den Stadtteil, der seit dem Film Slumdog Millionaire außerhalb Indiens zum Thema wurde. Kein Reiseführer verschweigt den Stadtteil, der von vielen Mumbaites als Schandfleck angesehen wird. Horrende Mieten würde man dort zahlen – und zwar für eine Drei-Quadratmeter-Hütte aus Schrott gebaut. Der Schwarzmarkt und die Mafia seien dort zuhause. Über eine Million Menschen leben da angeblich. Solche Orte seien ein Schlupfloch für Terroristen, Verbrecher, Menschenhändler aus allen Teilen Indiens und Pakistans. Erst als ich drohte, allein zu gehen, erklärte mein Freund Pushkar sich bereit, mich zu begleiten.

 

Nun stehen wir mit Ravi auf der europäischen Brücke und blicken auf das unfassbare Treiben hunderttausender Menschen. Es ist schwer vorstellbar, all das funktioniere tatsächlich ohne Kanalisation. Ohne Toiletten. Ohne Bäder. Ohne Waschbecken. Die Luft trägt die Gerüche des Mülls, der brodelnden Friteusen, der Schnittblumen für die Tempel, der dicken Blutpfützen vor den Schlachtereien, der Ziegen und heiligen Kühe, der Kinder, die nackt in dem Müll spielen und zwischendurch in die Hocke gehen, um sich zu erleichtern. Die verpestete Luft spannt jeden Muskel meines Körpers. Würde ich auch nur einmal tief einatmen, müsste ich dem Brechreiz nachgeben. "Ravi, wo genau ist denn jetzt die Kunst?"

Ravi deutet auf eine der ersten Hütten unterhalb der europäischen Brücke. Sie hat eine bemalte Fassade. Die Wellbleche in knallbunten Farben stechen hervor, überlappen einander wie Fischschuppen. In großen, dünnen  Buchstaben steht da WELCOME. Oberhalb des Cs, im dritten Stock, befindet sich ein kleines Loch, aus dem ein Junge in einem weißen Unterhemd hervorlugt. Fast alle Häuser sind dreigeschossig. Drei Slums übereinander. An manchen Stellen basteln die Bewohner schon am vierten Stock. Der Junge am Fensterloch winkt mir zu als ich mein iPhone auf den Willkommensgruß richte. Der Himmel über Mumbai ist grau. An dieser Stelle wirkt das WELCOME wie ein bitterböser Scherz, ein Schlag ins Gesicht all derer, die denken, ich möchte mal sehen wie diese Menschen im Slum eigentlich leben. Willkommen in Dharavi. WELCOME.

 

Letztes Jahr im Dezember ließen sich hier für drei Monate drei Künstler aus den USA nieder. Casey Nolan, Alex White Mazzarella und der in New York ansässige, holländische Photograph Arne De Knegt. Mit ihrem Gemeinschaftsprojekt "Artefacting" widmen sie sich urbanen Orten, die Schauplätze sozialer Ungerechtigkeit sind. Hier in Dharavi wollten sie einen Blick in die Wirklichkeit des Slums ermöglichen. Hinter den Mythos. Gemeinsam mit den Bewohnern und Arbeitern bemalten sie die Fronten der Fabriken mit Symbolen für die darin verrichtete Arbeit. Oder sie beschrifteten sie in knalligen Farben. So liest man etwa an des Rohrschlossers Fassade "Pipewallah" – Wallah ist Hindi-Slang für Arbeiter. Im Februar gab es eine Vernissage und, siehe da, mehr als dreihundert Mumbaites folgten der Einladung und wagten den Schritt in Mumbais Backstage. Nun auch ich. Die Künstler setzten mich per Mail mit Ravi in Verbindung, der nun auf der europäischen Brücke neben mir steht.

 

Während Ravi mir von Skulpturen aus Müll erzählt, von Videoprojektionen in Lagerhallen, Photowänden in seiner Straße, klopft unentwegt eine hohle Hand gegen mein rechtes Bein. Ein mageres Geschöpf kauert auf der Treppe, eine junge Frau in einem Sari. Ihre langen Arme sehen aus wie die dünnen Buchstaben in dem WELCOME. Und genau darin liegt mein Problem mit der Kunst hier. Sie hat mich zwar hergeholt, aber meine Aufmerksamkeit ist nur der keifenden Wirklichkeit gewidmet, die sich um mich herum auftut. Schon vor Betreten des Slums sah ich auf der anderen Seite des Bahnhofs eine leprakranke Frau ohne Mund und mit blutigen Verbänden um ihre Hände, die nach Geld bettelten. Die Kunst findet keinen Platz in meinem Kopf. Ich bin betroffen. Oder bedrängt.

 

Ravi sagt, er sei den Künstlern extrem dankbar. Es sei das erste Mal gewesen, dass überhaupt jemand gekommen sei, um Hilfe anzubieten. Anfangs wollten sie etwas für die Kinder tun, die vom Müllsammeln leben, die "waste picker" auf den Mülldeponien außerhalb der Stadt. Daraus entstand die Idee, die Kunst direkt in den Gassen Dharavis auszustellen. Die hohle Hand klopft gegen mein Bein. Noch haben wir die Brücke nicht verlassen als Ravi mir sagt, all das solle nun abgerissen werden, der gesamte Stadtteil hier am westlichen Ende. Und nun reden wir nicht mehr über Kunst.

Ravi Bhanushali ist 29 Jahre alt, trägt Brille und einen dicken Bauch unter einem dieser Hemden, die alle Männer in Mumbai tragen. Sie sehen immer aus wie frisch gebügelt und ich frage mich wie sie in einer Stadt wie dieser sauber bleiben können. Gemeinsam mit seinem Bruder betreibt er ein Unternehmen, das derzeit elf Arbeiter beschäftigt und 35 Jahre lang von seinem Vater betrieben wurde, nachdem die Familie aus Gujarat nach Mumbai übersiedelte. Ravi nennt die Firma sein Ein und Alles. Sie sortieren Plastik, um es fürs Schreddern vorzubereiten. So wird es wieder zu einem Rohstoff. Und er scheint nicht schlecht davon zu leben. Sein Jahresumsatz beliefe sich auf 250.000 Dollar. Er lächelt. Weißgeld. Schwarzgeld gibt es auch. Seinen Arbeitern zahle er 180 bis 200 Rupien pro Tag. Das sind rund drei Euro. Ravi ist verheiratet, hat eine fünfjährige Tochter und lebt selbst in Goregaon, einem der Western Suburbs für die neue Mittelschicht, eine dreißigminütige Bahnfahrt von hier.

 

Was unmittelbar vor uns liegt, ist der 13th Compound, nach seinem Begründer Sanaullah benannt. Als Mumbai noch Bombay hieß und in den Jahrzehnten nach der indischen Unabhängigkeit Millionen Zuwanderer aus ganz Indien anzog, verwandelte sich das kleine Fischerdörfchen Dharavi am Stadtrand in einen Slum. Doch Mumbai liegt auf einer Halbinsel, dehnte sich deswegen nur gen Norden aus und ist bis heute so rasant gewachsen, dass Dharavi inzwischen mitten im neuen Zentrum einer Wirtschaftsmetropole liegt, mit Blick auf gläserne Malls und glitzernde Skyscraper. Diese zwei Quadratkilometer Slum, also eine Größe wie Hamburgs St. Pauli oder das Fürstentum Monaco, sind ein heißbegehrtes Spekulationsobjekt – im Besitz der Stadt – bewohnt von einer hartnäckigen Schar, die sich keinem Umsiedlungsangebot ergeben will. Ich sage Ravi, dass der Jahresumsatz des Slums auf 650 Millionen Dollar geschätzt wird. Er lacht. "Oh no, my friend. It is much more than that."

 

Seit 1997 wird der Abriss anberaumt. Nun soll es losgehen. Der 13th Compound, einer der kommerziellen Teile, soll als erstes weichen. Und somit auch Ravis Geschäft und hunderte weitere. Der Bombay High Court hat die Stadtverwaltung in die Verantwortung gezogen, die Zwangsumsiedlung zu vollstrecken. Nach etlichen Verzögerungen rückten am 6. und 7. Juli Bulldozer an. Offiziell ging es bei diesem ersten "demolition drive" um die Sicherheit zweier Wasserpipelines, die unterhalb des Gebiets verlaufen. Sie sind die Hauptschlagader Mumbais Wasserversorgung und auf ihnen dürften keine illegalen Hütten stehen. Darin sieht Ravi die größte Beleidigung: sich vom High Court als illegal bezeichnen zu lassen, während man die Stadt vom Müll befreit, Steuern zahlt und Menschen Arbeit gibt. Tausende sind von diesem Abriss betroffen. Vierhundert Hütten und rund hundert Fabriken wurden dem Erdboden gleich gemacht. In genau diesen Trümmern stehen wir jetzt und ich atme kurz, nicht tief.

Die Hütten links und rechts der Schneise entlang der Pipeline haben keine Seitenwände mehr. Wir schauen direkt in die wandlosen Häuser hinein, wo Tische stehen, Tücher im Wind flattern. Wir stehen in Brocken tapezierter Ziegelsteine. Alles, was daraus noch irgendwie zu gebrauchen wäre, haben tausende Hände bereits herausgesammelt. Werkzeuge, Habseligkeiten, Plastik. Eine Gruppe von kleinen Jungs schart sich um uns und macht Handyfotos von mir. Ich frage Ravi, ob diese Kinder in die Schule gehen. "Manche. Aber nur fürs Essen und die Uniform." Er schaut mich an und sagt: "You're a teacher, right?" – Ja. – "Please teach your students about us. Tell them we are good peoples. We want to do our work here. Nothing else. Nowhere else."

 

An dem Tag des ersten Abrisses im Juli hat der Monsun-Himmel einen schweren Regen fallen lassen. Die Menschen, die ihre Häuser verloren, schliefen in der Nacht unter Lkws. Am nächsten Morgen um neun Uhr ging der Abriss weiter. Polizisten trugen Waffen. Meist tragen sie in Mumbai nur Bambusstöcke.

 

Ravi sieht traurig aus. Er sagt, es sei erst der Anfang. Um die Pipeline ginge es nicht. Die Stadt habe den 13th Compound verkauft und nun sei sie dem Käufer schuldig, den Boden zu bereinigen. Die Leute, die hier lebten, seien nach Deonar gegangen, eine Müllhalde außerhalb der Stadt, die den Ruf hat "the city's dumping ground for the poorest" zu sein. Menschen sterben dort den Hungertod. Andere sollen aber auch eine Entschädigung bekommen haben. Die Stadt gibt sich mit ihren Redevelopment-Maßnahmen alle Mühe, den Slum-Bewohnern gerecht zu werden. Doch bei Dharavi geht es um mehr. Der Standort mitten in der Stadt lässt sich nicht einfach räumen. Und auch für Ravi geht es um die Existenz. Seine geschäftliche Existenz. Von einem anderen Ort aus könne er sein Geschäft nicht betreiben. Nicht zu diesen günstigen Bedingungen. Nicht mit dieser Anbindung ans Herz der Stadt. "Ich weiß nicht, wer uns helfen soll. Die mächtigen Männer, die hier sonst die Kontrolle hatten und uns beschützten, haben sich seit dem ersten Abriss nicht mehr sehen lassen." Wer diese mächtigen Männer dafür bezahlt hat, den Slum nicht mehr zu beschützen, sollte ich nicht erfahren.

 

Ravi zieht mich und Pushkar durch die schmalen Gassen. Hunderte Menschen begrüßen uns. Lächeln. Einer redet auf Marathi auf mich ein. Ravi übersetzt, der Mann habe nach einem Stuhl gefragt, um so groß wie ich sein zu können. Alle lachen. Ravi kennt jeden und ignoriert jeden. Andere Umgangsformen. Ich hingegen stehe unter größtem Stress. Nicht nur die schlechte Luft, sondern die Beengtheit, all die Vorgänge von Arbeit, wie ich sie noch nie gesehen habe, Arbeit, die von fliegenden Händen verrichtet wird. Andauernd pfeift jemand, ich solle aus dem Weg gehen. Lieferanten. Egal wo ich stehe, stehe ich falsch. Ein Lkw drückt sich in die schmale Straße und bringt frischen Müll. Unterschiedlichste Güter werden auf Köpfen hin und her getragen. Ravi sagt mir, ich könne aufhören, nach meinem Portemonnaie in der Hosentasche zu tasten. In Dharavi würde mich niemand beklauen. "Keiner hier will Ärger. Die Leute haben genug Probleme. Der Weg durch Mumbai hierher ist gefährlicher als unsere Gassen." Und tatsächlich liegt hier neben den strengen Gerüchen eine Friedfertigkeit in der Luft, die den rempelnden, dauerhupenden, brüllenden Rest von Mumbai leise übertrumpft. 

Ravi stößt das Tor zu seiner Lagerhalle auf, die bis unter die Decke mit Plastikmüll vollgestopft ist. Irgendwo in diesem Ungetüm hocken zwei Männer, die zur Begrüßung breit lächeln, dabei aber nicht aufhören, den Müll zu sortieren. 180 Rupien. Drei Euro. Von morgens um neun bis abends um neun. "In vielen Fabriken wird 24/7 gearbeitet." Die Väter dieser Männer haben schon für Ravis Vater gearbeitet. Ein Traditionshaus. Wir klettern über eine Leiter in den zweiten Stock, wo etwa fünf Jungs auf dem Boden sitzen oder schlafend liegen. Ein Fernseher. Ein paar DVDs mit Bollywoodfilmen. Hier und da hängen Tücher oder T-Shirts zum Trocknen. Ein paar Zahnbürsten stecken in einem Becher. Betten gibt es keine. Auch hier ist die Hälfte des Raumes mit Müll befüllt. "Zwanzig Leute lasse ich hier schlafen. Auch solche, die gar nicht für mich arbeiten. Umsonst." Er öffnet eine Luke im Dach. Noch eine Leiter. Dann stehen wir in etwa 30 Metern Höhe und überschauen den Slum – und sehen weit und breit nichts anderes als Müll. Plastik. Alle Dächer dienen als Lagerflächen. Zerbrochene Campingstühle, leere Fässer und Kanister, Planen, Tüten, Plastik, Plastik, Plastik – und je länger ich hinschaue desto mehr Arbeiter erkenne ich, auf den Dächern, die blau zu blau werfen, fliegender Müll, rot zu rot. Sortieren. WELCOME. Es ist ein unfassbares Bild. Ein Ameisenhaufen. Als wäre die Szenerie nicht absurd genug, beginnt nun der Muezzin durch ein schepperndes Mikrofon zu singen. Ravis Lager grenzt an die einzige Moschee des Slums. 

 

Zurück auf der Straße. An ihren Rändern läuft tiefblau verfärbtes Wasser in Rinnsalen hinunter. Ich frage Ravi, was das sei. Er deutet lächelnd auf ein paar Straßenköter, deren Fell blau schimmert. "Die Blue Dogs sind sogar in Brooklyn schon bekannt." Am oberen Ende der Straße liegt eine Jeansfabrik, die der Ursprung der blauen Rinnsale ist. Wir gehen hinein. Keine dreißig Quadratmeter auf denen mindestens zehn Männer zwischen Stapeln von Jeans hocken und nähen, heften, stapeln, verpacken. Alle lächeln mich an. Auf einer eingezogenen Zwischendecke stehen Nähmaschinen. Wieder eine Leiter. Im oberen Teil wird gefärbt. In Metallbottichen kochen Farben. Ein kleiner Junge greift ohne Handschuhe, ohne den geringsten Schutz, in einen der Bottiche und zieht dampfende Tücher heraus, bringt sie in den hinteren Teil des Raums zum Trocknen. Dort liegen ein paar Leute vor einem Fernseher. Ich stehe in dem blauen Wasser, frage Ravi, ob hier auch Labels produzieren, deren Namen wir im Westen kennen. Er sagt, nein, die seien in einem anderen Teil Dharavis. Da könne er mich aber nicht hinbringen. Wegen der Kinder? "Nein, wegen der Schnitte. Die wollen nicht, dass die Modelle der nächsten Saison kopiert werden. Das macht den Markt kaputt." Ich frage ihn, ob ich seinen Namen in dem Artikel ändern solle. "Schreibst du für indische oder deutsche Leute?" – Deutsche. Er strahlt und sagt: "Oh, dann schreib meinen Namen. In Germany I would love to go to the jails. Because I know they serve burgers and the Pepsis there."

Dann stehen wir in einer rumpeligen Fabrik für Luxus-Badezimmer-Armaturen und vergoldete Gottheiten. Der Inhaber erklärt mir die verschiedenen Fertigungen. Einer seiner Arbeiter holt eine kleine Götterstatue nach der anderen hervor. Auf dem Fußboden hocken Frauen in Saris und polieren ihre Götter. Im Trockenraum sagt der Chef: "Bitte, Sir, verstehen Sie es nicht falsch, dass wir Ihr Heiliges Kreuz mit dem guten Jesus verkehrt herum aufgehängt haben. Kein Satanismus. Wir hängen unsere eigenen Götter auch verkehrt herum auf. Das ist nur fürs Trocknen." Dann eine Keksbäckerei. Eine Zementfabrik. Und noch eine Müllstation. Und eine Besenbinderei. Vier Quadratmeter. Zehn Leute schlafen nachts zwischen den Besen – auf vier Quadratmetern. Ein paar kleine Jungs zeigen mir wie sie Cricket spielen können. Eine mit Henna gefärbte Ziege trottet wie eine Diva durch die Straße. Was für ein Kosmos! Was für ein Miteinander!

 

Von den insgesamt 19 Millionen Mumbaites leben sieben Millionen in Slums und ganze zwei Millionen auf der Straße. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Eine Meldepflicht gibt es bisher in Indien nicht. Die UNO geht davon aus, dass im Jahr 2020 rund 30 Millionen Menschen Mumbai bevölkern werden. Andere sagen, es seien jetzt schon mehr als 40 Millionen. Tatsächlich ist Mumbai eine Stadt, in der man auch außerhalb Dharavis an jeder Ecke und auf jeder Straße den Kollaps spürt, der sich von morgens bis abends vollzieht.

 

Plötzlich bricht irgendetwas in mir zusammen. Es ist zu viel. Die Kinder. Die brodelnden Chemikalien. Der Dreck an meinen Füßen. Die flitzenden Ratten. Die liebevollen Gesichter, die mich anlächeln. Ravis Flehen um den Erhalt des Slums. Das indische Kopfwackeln. Die verkehrt herum hängenden Götter. Die blauen Hunde. Die Berge des Mülls. Und die Gewissheit, dass dies nur einer von unzähligen Slums weltweit ist. All das soll ein schützenswerter Raum sein? Tatsächlich ist es egal, wohin diese Menschen verdrängt werden. Es wird ihnen dort nicht besser gehen. Und sie produzieren die Dinge, die wir jeden Tag gebrauchen. Nicht nur in Mumbai. Auch durch Berlin oder Paris läuft jetzt gerade mit großer Wahrscheinlichkeit irgendeine Jeans, die hier gefertigt wurde. Wenn nicht hier, dann woanders in Indien. Oder in Bangladesch. Oder in Vietnam oder China, wo auch mein iPhone herkommt, mit dem ich gerade fotografiere, was ich hier als ungerecht empfinde. Jetzt ist mir nicht mehr von den Gerüchen übel. Sondern von meinem Mitleid. Es ist ein heuchlerisches Mitleid. Ich sollte froh sein, dass jemand anderes im Dreck sitzt und mein iPhone zusammenbastelt – nicht ich. Ich bin wegen der Kunst hier. WELCOME.

 

Die drei Künstler von Artefacting bezeichnen sich auf ihrer Homepage als "Anwälte sozialer Gerechtigkeit". In einer Email habe ich Alex gefragt, ob sie in ihrer Kunst auch die Hierarchie des Slums reflektiert haben, die Ausbeutung, die Geldmaschine. "Nein, das war nicht unser Fokus."

 

Als Pushkar und ich am Abend in einem Restaurant sitzen, will er wissen, ob es in meinem Germany eigentlich keinen Dreck gebe, über den ich schreiben kann. Er fragt mich, warum permanent Europäer nach Indien kommen, um dann auf Facebook zu posten wie dreckig es hier ist. "Wir brauchen euer Mitleid und auch eure Ratschläge nicht. Du verstehst nicht, dass die Arbeiter dort mit ihren zwei Euro glücklich sind und du verstehst auch nicht, wie diese Gesellschaft funktioniert." Er hat recht. Ich verstehe es wirklich nicht. Aber ich versuchte es. "Ihr seid die heile Welt", fährt er fort "in der alle Depressionen haben. Wir sind die kaputte Welt, in der alle lächeln."

 

Einige Tage nach meinem Besuch ruft Ravi mich an und fragt, was ich tun würde, wenn ich wieder in Deutschland bin. Ich sage ihm, dass ich arbeiten werde. Aber damit will er sich nicht zufrieden geben. "I can teach you the recycling business and then in the Germany you make import and export and send the German waste to me." –  Ravi, ich glaube, das kann ich nicht. "But I don't know what to do now. I don't now how to go on."

Kurz vor dem angekündigten Abrisstermin Mitte September besuche ich ihn ein zweites Mal. Kaum ein Bewohner hat seine Hütte geräumt. Ravi entschuldigt sich bei mir für den Vorschlag mit dem Müll-Export. Er beteuert wie dankbar er mir sei. Und wie dankbar er den Künstlern sei. Er und viele andere hier hätten ein neues Bild von Weißen bekommen. Sie hätten etwas dagelassen. Außerdem hätten sie Dharavi in die Welt getragen. Viel mehr Menschen wüssten nun, dass all das bald verschwindet. Ja, das stimmt. Aber es verschwindet trotzdem.

 

Am Tag des angekündigten Abrisses telefonieren wir. Nichts ist passiert. Am Bahnhof klebt eine Mitteilung an alle Bewohner, dass sie sich in einem Amt einfinden sollen, um ihre Umsiedlung abzuzeichnen. "A new hope has come up." Hoffnung heißt in diesem Fall, gar nichts zu unterschreiben und Zeit verstreichen zu lassen. Seit 1997 sollen sie umgesiedelt werden.

 

Auch ich will jetzt wieder auf etwas anderes fokussieren. Ich will nach Hause – und schenke mir mein schlechtes Gewissen. Auf zur europäischen Brücke! Wir kommen nicht nur über sie nach Dharavi. Wir verschwinden auch über sie. Für andere gibt es eine solche Brücke nicht. Noch einmal sehe ich WELCOME. Willkommen in der Realität. Ich hau ab. Ravi steht unten und winkt. Er hat mehr Geld als ich.

September 2011

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