Gaben Bringende

by Julia Vogel 28.11.2013

Gaben Bringende

 

 

Als ich Bernd am Glühweinstand bei der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz stehen sah, wie jedes Jahr am 1.Advent, seit nunmehr 24 Jahren, war ich einen Moment lang unsicher, ob er es tatsächlich war, oder ein Doppelgänger.

Was ist mit deinem Gesicht passiert, fragte ich.

Das soll eine Überraschung für meine Mutter sein, sagte Bernd.

Aber deine Mutter ist doch tot.

Nicht meine leibliche. Meine Adoptivmutter ja, aber nicht meine genetische Mutter, sagte er und lächelte.

Ich bestellte zwei heiße Eierlikör und zwei Burgunder Schinkenbrötchen mit extra Zwiebeln. Das ganze Jahr über freute ich mich auf diese Brötchen und konnte es gar nicht erwarten, dass der Weihnachtsmarkt wieder eröffnete. Wie auch im letzten Jahr hatte der Stand den gleichen Platz, seit 24 Jahren unverändert. Das Biene Maja Karussell drehte sich. Ich fühlte mich wohl. Ich hielt Bernd eines der Brötchen hin, aber er wollte es nicht. Auch den Eierlikör wollte er nicht anrühren.

Ich lebe Vegan und trinke keinen Alkohol mehr, sagte er.

Seit wann, fragte ich.

Seit drei Wochen.

Bernds Lippen waren aufgespritzt, seine Augenpartie gestrafft und seine Ohren angelegt. Seine Geheimratsecken waren verschwunden und Haare wuchsen ihm auf der Stirn. Bernd sah aus wie eine schlechte Kopie seiner selbst, wie vor 20 Jahren.

Ich trank die beiden Eierlikör und aß Bernds Brötchen. Bernd trank alkoholfreien Punsch und aß eine mitgebrachte Miso-Suppe.

Ich habe meine Mutter zu Weihnachten eingeladen. Sie lebt am Winterfeldplatz in einem Altersheim, sagte er.

Ich schaute seine Lippen genauer an. Sie erinnerten mich an Donald Duck.

Ich habe sie durch eine Detektei ausfindig machen lassen, sagte Bernd.

In der Schule war Bernd wegen seiner Segelohren immer gehänselt worden.

Seit meiner Geburt habe ich sie nicht mehr gesehen.

Ich bestellte mir einen dritten Eierlikör. Neben uns weinte ein Kind, und sein Vater schrie unaufhörlich, dass er diesen Lärm hier nicht mehr länger ertragen würde.

Ich möchte ihr ein Gedicht schreiben. Irgendetwas persönliches, das ihr erklärt, wer ich bin, sagte Bernd.

Ich schaute ihn an, nippte an meinem Eierlikör und schüttelte den Kopf.

Du willst deiner Mutter erklären, wer du bist, fragte ich.

Ja, sagte er.

Warum?

Bernd blickte mich an, so als würde er meine Frage nicht verstehen.

Das könnte der Durchbruch zum Weiblichen sein. Das sagt auch meine Therapeutin. Eine einmalige Chance. Eine einzigartige Möglichkeit zur Hinwendung, sagte er.

Seit wann bist du in Therapie, fragte ich.

Seit acht Jahren.

Ich bestellte mir einen vierten Eierlikör.

Bernd summte Oh du fröhliche mit. Er schien bester Laune zu sein.

Das Gedicht muss nicht lang sein, sagte er.

Ich verstand nicht, was das alles sollte. Warum kaufte er ihr nicht einfach einen Brunnen aus Salzkristall, gleich hier auf dem Markt. Oder eine Krippe, oder Holz-Figuren aus dem Erzgebirge. Oder eine original peruanische Mütze aus Alpakawolle. Er kannte diese Frau doch gar nicht. Ich bestellte mir noch einen Eierlikör und merkte, dass mir flau im Magen wurde. Ich bat die Verkäuferin, mir eine extra Portion Rum in den Eierlikör zu schütten. Bernd fing an, sich Notizen auf einem kleinen Block zu machen.

Was schreibst du da, fragte ich.

Meinetwegen kann es regnen, doch die Sonne scheint auch anderswo. Denke ich an dich, bin ich froh. Bin ich bei dir, bin ich endlich angekommen, weg aus meinem Nirgendwo.

Joho, joho, sagte ich und trank meinen Eierlikör.

Jede Mutter liebt ihr Kind, sagte Bernd. Das hat auch meine Therapeutin gesagt.

Wunderbar, sagte ich und drehte mich von Bernd weg und wandte mich meiner Tischnachbarin zu. Aus dem Augenwinkel waren mir ihre geilen Brüste aufgefallen und dass sie auch schon den vierten Eierlikör getrunken hatte.

Hallo, ich heiße Michael.

Ich heiße Natascha und komme aus der Ukraine. Eierlecken kostet 60€. Küssen und kuscheln kosten 60€. Kaufst du mir eine Flasche Eierlikör, ist das nett, aber ändert nichts am Preis. Anal kostet 60€, sagte sie.

Ich starrte die ganze Zeit auf ihre Titten, während Bernd inzwischen auf seinem Block zeichnete.

Und russisch?

60€. Alles 60€, sagte sie.

Aha, sagte ich.

Du kannst aber auch eine Flatrate für 320€ haben, sagte sie.

Ich ging hinüber zur Losbude und kaufte 10 Lose. Ich wollte für Natascha einen Tiger gewinnen. Leider waren alle Lose Nieten.

Ich bestellte eine neue Runde Eierlikör und kam in Weihnachtsstimmung. Ich wollte Geschenke machen. Ich hatte das Bedürfnis Bernd etwas zu schenken. Ich dachte an eine Nudelmaschine, vielleicht würde ihm auch ein Ex Libris Fauststempel von manufactum gefallen. Natascha wollte ich eine Fellweste schenken.

Möchtest du eine Fellweste, fragte ich sie.

Lieber warme Schuhe, sagte sie. Gerne auch mit Fell gefüttert. Fuchs wäre schön. Oder hohe Uggs mit Lammfell-Futter. Oder kaufst du mir ein Auto!?

Bernd lächelte und kritzelte eine Katze auf seinen Block.

Mir gefiel der Gedanke, ein Auto zu kaufen, doch wusste ich nicht, ob es das richtige wäre, Natascha ein Auto zu schenken. Andererseits konnte ich mir gut vorstellen, mir von ihr in der Gedächtniskirche einen blasen zu lassen. Und alles weitere würde sich dann finden.

Du könntest mit deiner Mutter zu uns kommen, sagte ich zu Bernd. Marion würde sich freuen. Sie stammt ja auch aus einer Familie, die nicht ganz so glücklich war, sagte ich.

Vielleicht sollte ich meinem Sohn ein Auto kaufen, dachte ich.

Mutti kann nicht mehr gut laufen, sagte Bernd. Und mit den Augen soll sie ganz schlecht sein, hat mir der Detektiv erzählt. Ich möchte mit ihr mein erstes gemeinsames Weihnachtsfest allein verbringen. Ich habe dafür ein Zimmer im InterContinental reservieren lassen. Zum Essen gehen wir ins Hugo. Ich habe für Mutti und mich ein schönes Kleid machen lassen. Vor dem Essen lassen wir uns bei Udo Walz die Haare machen. Dann fahren wir zu den Urbschat Schwestern und lassen uns fotografieren. Ich freue mich riesig. Weihnachten wird nicht nur ein Fest der Freude sein, sondern auch eines der Versöhnung. Dieses Weihnachtsfest wird ein Wendepunkt in meinem Leben sein, denn alles was früher immer nur vergebens war, wie Hoffnung, alles Sehnen, Sehnsucht, all mein Leid, wird eben nicht vergeblich gewesen sein. Die Liebe wird jetzt wahr. Verstehst du das!? Die Liebe wird jetzt durchbrechen!

Mittlerweile trank ich den Rum pur. Mir war auch nicht mehr nach Blasen zumute. Jetzt wollte ich Arschlecken, um den schalen Geschmack aus meinem Mund und den Unsinn aus meinem Hirn herauszukriegen.

Wie viel kostet Arschlecken, fragte ich Natascha.

Aktiv oder passiv, fragte sie.

Ich zögerte, überlegte, schaute Bernd an, der mir zuzwinkerte, dann wurde mir schlecht.

Ich liebte Marion, doch mochte sie es nicht, wenn ich ihr Arschloch mit meiner Zunge berührte.

Bernd fing das Lied Mama von Heintje an zu singen. Der Tisch neben uns stimmte mit ein. Natascha hakte sich bei mir unter und begann zu schunkeln. Sie küsste mich zärtlich auf die Wange.

 

Mama

Du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen

Mama

Einst wird das Schicksal wieder uns vereinen

Ich werd es nie vergessen

Was ich an dir hab' besessen

Daß es auf Erden nur Eine gibt

Die mich so heiß hat geliebt

Mama

Und bringt das Leben mir auch Kummer und Schmerz

Dann denk ich nur an dich

Es betet ja für mich oh Mama dein Herz

 

Tage der Jugend vergehen

Schnell wird der Jüngling ein Mann

Träume der Jugend verwehen

Dann fängt das Leben erst an

Mama ich will keine Träne sehen

Wenn ich von dir dann muß gehen

 

Mama

Du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen

Mama

Einst wird das Schicksal wieder uns vereinen

Ich werd es nie vergessen

Was ich an dir hab' besessen

Das es auf Erden nur Eine gibt

Die mich so heiß hat geliebt

Mama

Und bringt das Leben mir auch Kummer und Schmerz

Dann denk ich nur an dich

Es betet ja für mich oh Mama dein Herz

 

Mama

Mama

 

Tittenfick kostet 60€, hauchte mir Natascha ins Ohr.

 

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