Es klatscht - Aber kein Beifall

by Jivan Frenster 30.07.2014

Beifall.

Man schlägt seine Handflächen gegeneinander um ein möglichst lautes Geräusch zu erzeugen.

Es klatscht.

Warum klatscht man eigentlich?

Man klatscht weil es einem gut gefallen hat was jemand dargeboten hat und man dies zum Ausdruck bringen möchte. Das ist aber noch nicht alles was es braucht für einen Applaus. Ist man nämlich der einzige Zuschauer fängt man für gewöhnlich nicht einfach an wie ein Wilder zu klatschen um erst Minuten später wieder zur Ruhe zu kommen. Es braucht eine Gruppe von Zuschauern und - einen Vorreiter, der mit dem Klatschen anfängt. Meine Oma sagt, das hat etwas mit Herdentrieb zu tun. Ernst Cassierer würde ergänzen wollen, dass Menschen eine Gruppe - und

Gruppen eben immer einen Helden brauchen, dem sie sich anschließen können. Das sind in diesem Fall die Vorklatscher. Die Mutigen, die sich trauen sich plötzlich auffallend anders als die Anderen zu verhalten, indem sie ein lautes Geräusch durch das gegeneinander Schlagen ihrer Handflächen erzeugen. Immer wieder.

Da es einen relativ klar verabredeten Zeitpunkt für den Start eines Applauses gibt, und zwar das Ende einer Darbietung, können sich diese Vorklatscher darauf verlassen, dass ihnen der Rest der Zuschauerschaft folgen wird. So sind es eigentlich nur halbe Helden. Keine Helden die sich ins Ungewisse stürzen, sondern einfach die entschlossene Vorhut auf einem tausendfach vorgeebneten Weg. Die anderen Zuschauer bekommen das normalerweise gar nicht mit. Sie selbst sind im besten Fall so aufgeladen von Energie durch das Dargebotene, dass sie nur auf das Zeichen warten diese wieder entladen zu dürfen. Das Publikum wird zu einem einzigen Organ, das seine aufgestaute Lust hingebungsvoll über die Akteure ergießt. Mit aller Kraft drischt man seine Hände gegeneinander. Man spürt seinen eigenen Körper und möchte die Akteure fühlen lassen, dass man auch sie gespürt hat. Man wurde stimuliert und möchte etwas zurückgeben. Beflügelt vergisst man sich selbst und ist ganz nah bei den Menschen auf der Bühne.

Ein fantastisches Ritual -

Wäre es immer so direkt, so klar, so echt.

Wenn man bei einer kleineren Präsentation, ohne große Gefühle und viel Tamtam aber mit Gehalt, überzeugt wurde und entschlossen zum erstklatschenden Halb-Helden des kleinen Publikums

avanciert, nur um zu merken, dass die Anderen nicht der selben Meinung sind - Was dann? Der Mut laut in die Hände zu schlagen versiegt so schnell wie er aufgekommen ist. Das Klatschen erstickt im Rauschen des Bluts, das einem nun durch die Ohren pocht und sie rot leuchten lässt. Man kann ein solches Klatschen kaum stilvoll beenden. Es wirkt immer unharmonisch - wie schon die ganze Zeit. Auf einmal wirkt es als hätte man etwas falsch gemacht. Man hat sich nicht zum Vorreiter sondern zum Außenseiter manövriert. Hier zeigt sich deutlich, dass der erste Klatschende doch immer ein fatales Rest-Risiko auf sich nimmt, vor allem in kleineren und in schwer zu begeisternden Grüppchen. Wahrscheinlich ist dies der Grund dafür, dass sich in akademischen Kreisen das Tischklopfen etabliert hat.

Apropos falsches Applaus-Verhalten. Wie verhält man sich eigentlich angemessen als derjenige für den geklatscht wird? Als Spitzensportler ein klarer Fall: Im Schweiße seiner Leistung und berauscht vom Erfolg reißt man die Arme in die Luft und strahlt dem Publikum entgegen. Man ist ein ganzer Held.

Doch als Normal-Sterblicher, nach einem Vortrag oder einer kleineren Darbietung? Gehört es da nicht zum guten Stil, während des Beifalls leicht beschämt auf den Boden zu gucken? Nein, ich denke nicht. Es beweist nur, dass mangelnde Selbstsicherheit auch die schönsten Augenblicke zu zerfressen weiß. Eine schöne Art und Weise Applaus anzunehmen, denn das gehört zum Ritual eben dazu, ist es den Blick auf dem Publikum ruhen zu lassen und sich dabei ein paar tiefe Atemzüge zu gönnen; die Energie die einem entgegen geschleudert wird aufzusaugen. Warum sollte man eine solch köstliche Seelen-Nahrung aus falscher Zurückhaltung verschmähen? Die meisten geübten Redner wissen das wohl.

Das Empfangen des Beifalls kann allerdings auch übertrieben werden, wie zum Beispiel bei der ewigen Verbeugerei am Ende von vielenTheaterstücken. An sich ist es eine schöne Geste sich nach einer Darbietung zu verbeugen. Es verweist auf eine Dienstleistung und signalisiert zugleich, dass der Applaus angenommen wird. Daraus allerdings eine Inszenierung zu machen, indem man in den unterschiedlichsten Konstellationen immer und immer wieder auf die Bühne zurückkehrt, raubt dem Beifall jeden affektiven Charakter. Das Bedürfnis den Schauspielern inbrünstig seine Begeisterung zu vermitteln weicht langsam aber sicher dem sehnlichen Wunsch die Menschen auf der Bühne mögen dem Trauerspiel endlich ein Ende bereiten; hinter dem Vorhang verschwinden und bloß nie wieder auftauchen. Man beobachtet wie aus dem anfänglichen Selbstverständnis des Klatschens eine mechanische Handlung wird, die mit jedem Schlag ihren Gehalt weiter verflüchtigt. Wie wenn man ein Wort immer wieder hintereinander weg sagt seine Bedeutung verliert und nur ein fremdartiger Laut überbleibt. Die Beschwingtheit, die man gerade noch durch die Darbietung empfunden hat, verwandelt sich in eine Ermüdung. Das Stück wird abgelöst durch eine Geduldsprobe des Respekts vor der Arbeit der Theatermenschen.

Das sollte verboten werden.

 

Es gibt Menschen die grundsätzlich gegen das Applaudieren sind, aus Gründen die meiner Beschreibung der Tragödie des Theater-Applauses ganz ähnlich sind. Man soll die Energie, welche man durch die Darbietung vermittelt bekommen hat, bei sich behalten um sie später in etwas Produktives zu investieren, anstatt sie direkt in eine primitive Handlung wie das Klatschen zu transformieren - sie also zu Wärme und Geräusch werden zu lassen. Ich finde der Gedanke hat etwas tantrisches an sich.

Ein Freund von mir hat wirklich aufgehört zu applaudieren. Seine Begründung ist allerdings, dass Beifall meistens keine Bedeutung hat, keine qualitative Rückmeldung an die Akteure ist. Ein Beifall muss schon besonders kläglich und mit Buh-Rufen versehen sein oder auf der anderen Seite eine´Standing-Ovation und laute Pfiffe beinhalten damit er tatsächlich etwas darüber aussagt ob es dem Publikum gefallen hat oder nicht, meint er. Der durchschnittliche Applaus sagt nicht mehr aus als " Ja wir haben es gesehen - Ja es ist vorbei - Danke ". Sich daran zu beteiligen hat er als sinnlos empfunden.

Er hat sich sogar geschämt für die scheinbar gedankenlos vor sich hinklatschenden Menschen, im speziellen bei Anlässen wie der Landung eines Fluges oder das Ende eines Kinofilmes. Zu oft klatschen die Leute ohne wirklich überzeugt zu sein von dem was sie da tun. Wie Dressur-Robben vollziehen sie das Prozedere weil es erwartet wird.

Der Herdentrieb, sagt meine Oma noch einmal. Keiner will der Miesepeter sein, der dem Akteur seinen Applaus nicht gönnt, außer natürlich man hat Angst, kein Anderer klatscht mit, wie eingangs beschrieben. Auch Herdentrieb. Deswegen fühlt es sich auch irgendwie falsch an wenn alle klatschen und man selbst seine Hände nicht bewegt. Es sei denn man übt sich in Sachen Integrität seinem eigenen

Gefühl gegenüber, so wie mein nicht klatschender Freund. Der hat allerdings vor kurzem gelesen, dass es wissenschaftlich erwiesen ist, dass Klatschen Glückshormone produziert und seitdem wieder einen, wenn auch egoistischen, Grund gefunden gelegentlich zu applaudieren.

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