DER LETZTE VORHANG

by Anne Backhaus, Ulf Pape 12.08.2014

Am 14. Dezember 2013 kamen zum letzten Mal Darsteller direkt vor dem Publikum. Da wusste noch niemand, dass das Hamburger SAFARI, das einzig verbliebene Erotik-Cabaret Deutschlands, für immer schließen würde. Die ehemalige Stripperin Eva Körner und der langjährige Choreograf Jeff Pierron erklären FALL die Welt des kleinen Orgasmustheaters an der Großen Freiheit. Zwei Gespräche über Sex vor Publikum, körperliche Leistungsschau und natürlich den Höhepunkt und den Beifall danach.

Der Pastor der St.-Pauli-Kirche, Sieghard Wilm, sitzt mit uns beim Sushi-Meister am Hamburger Berg. Ein Freitagabend im vergangenen Jahr, nach dem Essen die Frage: „Sollen wir noch irgendwo einen Wein trinken?“ Wilm lehnt ab, aus gutem Grund: „Morgen Vormittag hab ich doch die große Trauerfeier von Hans-Henning Schneidereit in der Kirche, dem alten SAFARI-Betreiber.“ Abgesehen vom Pastor hatte niemand am Tisch je das SAFARI besucht. Die Leuchtreklame mit dem bunten Elefanten, der sich über die Große Freiheit spannt, ist jedoch allen bekannt. Aber Sex als Bühnen-Show, schaut sich das überhaupt noch jemand an? Wir einigen uns darauf, bald gemeinsam mit dem Pastoren ins SAFARI zu gehen. „Die haben mich ohnehin gerade wieder eingeladen. Ich soll das neue Programm mit meiner Anwesenheit segnen.“ 

Doch das SAFARI sollte nach der Winterpause nicht wieder öffnen. Das letzte Live-Sex-Cabaret Deutschlands fand kurz nach dem Tod seines Inhabers sein Ende. Das Inventar wurde herausgerissen und in Müllcontainer verstaut. Die Dollhouse-Betreiber von der anderen Straßenseite übernehmen die Location. Nur die alte Leuchtreklame mit dem Elefanten wird weiterhin über der Großen Freiheit leuchten. 

Was ist Hamburg verloren gegangen? Sex und Applaus, Intimitäten vor Publikum – wie passt das zusammen? Wir trafen die ehemalige Stripperin Eva Körner, die sich an den besten Job ihres Lebens erinnerte, und den Choreografen Jeff Pierron, der uns in singendem französischen Akzent erklärte, wie er 40 Jahre lang eine Show auf die Bühne brachte, die trotz seiner Pariser Ballettausbildung nicht zu kunstsinnig sein durfte. Und dann stießen wir auf Konstanze Habermann und einen kleinen Schatz in ihrem Keller. Die Fotografin erhielt vor 14 Jahren ihre ersten Aufträge  für Magazine wie „Praline“ und dokumentierte das Programm im SAFARI. Ein Wasserschaden im Archiv zerstörte nahezu alle Negative von damals. Was auf diesen Seiten zu sehen ist, gehört zu den wenigen Bildern, die sich retten ließen. Eine Zeitreise in ein vergangenes St. Pauli.

 

JEFF PIERRON, 40 JAHRE LANG CHOREOGRAF IM SAFARI – 17. MÄRZ, CUNEO, HAMBURG

 

Monsieur Pierron, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. 

Nein, nein, ich muss danken. Für Ihr Interesse. Ich hätte Sie auch getroffen, wenn Sie irgendein Pornomagazin wären. 

 

Hauptberuflich Live- Sex auf einer Bühne zu inszenieren, passt ja auch ganz gut in ein Pornomagazin. 

Das Safari war vor allem ein Cabaret. Es gab viele Auftritte, immer im Wechsel von neun Uhr abends bis vier Uhr morgens. Tanz- und Nacktshow, Solo-Nummern oder Paarnummern, dann zehn Minuten Pause, Umbau, und die nächste Show, eine nach der anderen.

 

Also war es stilvoller als ein Porno? 

Naja, ich konnte im Safari keine große Kunst machen. Die Shows mussten einfach sein. Das Publikum auf der Großen Freiheit hat nicht so einen großen Anspruch. Schauen Sie sich mal an, welche Leute da hinter Olivia Jones bei den St.-Pauli-Führungen herlaufen. Die kommen aus Plön und Neuenkirchen oder wie diese Orte heißen. Aber Olivia macht das sehr gut. Sie vermittelt die Träume und Geschichten, die diese Leute über St. Pauli hören wollen. So ähnlich war das im Safari.  

 

Wie erinnern Sie Ihr Publikum? 

Die waren meist ganz ordentlich, der Eintritt lag immerhin bei 30 Euro. Eigentlich hatten wir bessere Gäste als Olivia Jones. Viele Gebildete, sehr viele Prominente. 

 

Es gab auch eine Biene-Maja-und-Willi-Nummer. 

Biene Maja hat mich ein bisschen geärgert. 

 

Inwiefern? 

Ich hatte mir damals so viele gute Shows ausgedacht, für die ich sehr viel Lob und Applaus bekommen habe. Aber geredet wurde immer nur über Biene Maja. 

 

War das nicht auch Ihre Idee? 

Natürlich, aber es hat mich irgendwann frustriert. 

 

Hatten Sie viele Frauen zu Gast?

Ja. Ich glaube, die hatten ein großes Interesse an der menschlichen Seite der Show. Das hatte ja alles nichts mit Schönheit zu tun, sondern mit einer Haltung. Viele waren neugierig. Aber oft haben die Frauen mir auch gesagt, dass ihnen die Erotik fehlt.

 

Hat Sie das gekränkt? 

Ein bisschen. Ich habe ja nicht nur die Choreografie gemacht, sondern wie ein Regisseur die gesamte Show verantwortet. Erotik ist aber, wie Ästhetik, für jeden etwas anderes. 

 

Was waren typische Reaktionen im Publikum? 

Es hat mir immer unglaublich gefallen, das Publikum zu beobachten. Es gab so unterschiedliche Momente, zwischen Paaren, die gemeinsam da waren, oder in den Gesichtern von Männern, die allein da waren. Etwas Typisches gab es nicht. Es ist dieser einzigartige Wechsel zwischen dem Intimen, der Bühne und dem Publikum.

 

Was hat die Show für Sie ausgemacht? 

Sie war etwas Einzigartiges. Es ist doch schrecklich schade, wie das Show-Geschäft sich globalisiert hat. Überall das gleiche. Deutschland sucht den Superstar, irgendwer im Dschungelcamp - Das sieht in allen Ländern gleich aus. Das können Sie auch in Hamburg beobachten. Kennen Sie hier in der Gerhardstraße das Queen Calavera? Die waren wirklich mal sehr gut mit ihrer Burlesque Show. Aber jetzt machen die einfach nur irgendwas Beliebiges.

Warum war es dann am Ende so leer im Safari? 

Dieses Jahr wäre das Safari 50 Jahre alt geworden und es war an der Zeit, ein neues Konzept zu entwickeln. Der Eigentümer Herr Schneidereit war aber alt und die letzten drei Jahre sehr krank und er hatte keine Energie mehr, alles zu erneuern. Das Safari war außerdem sehr kostspielig. So viele Tänzer, alle festangestellt, dazu die Kostüme, die Bühnenbildner. 

 

Die hohen Kosten sind aber ja kein Grund für ausbleibende Gäste. 

Wer will heutzutage noch eine Live-Sex-Show sehen? Die Leute wollen Essen gehen und geben Geld für Hotels aus, für Drinks. Ich muss auch zugeben, dass die Shows bei uns vielleicht zu viel Routine bekommen haben. Sie waren zu einstudiert. Diejenigen, die kamen, wollten richtigen Sex sehen und hatten oft nicht die Geduld für den Aufbau der Show. Die haben einen Aufstand gemacht, wenn es nicht schnell genug zur Sache ging. 

 

Wie sah denn eine klassische Sex-Performance aus? 

Sie war aufgebaut über die Musik. Wir hatten „Tanz der Vampire“, „Phantom der Oper“ und natürlich „Biene Maja“. Die Stellungswechsel waren möglichst einfach, damit die Darsteller nicht viel denken mussten. Schließlich mussten die kopulieren! Das Stoßen des Mannes passte zum Takt der Musik und die Positionen habe ich danach ausgesucht, dass die Zuschauer das Paar von jeder Seite einmal sehen.

 

Wie viele Stellungswechsel gab es in so einer Nummer? 

Ungefähr zehn. Bei allen musste die Frau gut aussehen und der Mann natürlich auch, wobei der Mann mehr in Bewegung war. Das Publikum sollte erkennen, wie seine Muskeln sich zusammenziehen, das ist ganz wichtig, am Rücken und an den Pobacken. Bei ihr wippten bestenfalls die Brüste im Takt der Musik. Am Ende stand der Mann dann so, dass man nicht sehen konnte, wie er abspritzt. 

 

Ist öffentliches Abspritzen nicht erlaubt gewesen? 

Doch, klar. Das lässt sich nur nicht auf den Punkt genau in die Choreografie einbauen, vor allem bei Paaren ist das schwierig.

 

Die Darsteller der Sex-Performances waren Paare? 

Meistens hatte ich Paare. Das machte es einfacher für die Bühne. Nur für deren Beziehung war das äußerst anstrengend. Wer viermal am Abend auf der Bühne Sex hat, muss sehr kreativ sein, damit es zu Hause auch noch funktioniert. 

 

Und wenn die Pärchen Streit hatten? 

Das war nicht gut für den Orgasmus auf der Bühne. Es gab einen Darsteller, der unglaublich potent war. Er hat mit seiner Freundin gearbeitet und wenn die beiden sich tagsüber gestritten haben, ist er extra nicht mit ihr zusammen zum Höhepunkt gekommen, sondern hat sich am Ende schnell umgedreht und in die Richtung des Publikums gespritzt. Da waren die Zuschauer sehr schockiert. Aber es war gut, sehr gut. Da gab es immer ein großes „Wow!“.

Waren Sie streng mit den Darstellern? 

Ich habe viel von ihnen verlangt. Eine gute Choreografie ist wie ein Geschenk, das man jemandem macht. Ich habe es als eine Verletzung empfunden, wenn meine Schritte auf der Bühne nicht richtig befolgt wurden.

 

Hätten Sie gerne ein komplett neues Konzept entwickelt? 

Ja, ich war sogar seit einiger Zeit Teilhaber des Safari. Als sich herausstellte, dass es verkauft wird, habe ich ein Angebot gemacht. Ich wurde von den Betreibern des Dollhouse überboten. 

 

Vermissen Sie das Safari? 

Ich habe da einen Job gemacht, von dem man nicht so leicht loslassen kann. Eigentlich möchte ich mir immer wieder eine neue Show ausdenken. 

 

Haben Sie Lust, gleich noch mal mit uns gemeinsam dorthin zu gehen? 

Ich war seit der Schließung nicht mehr dort. Es ist irgendwie so ein ziehendes Gefühl. Man fragt sich, ob man vielleicht doch nicht gut genug war.

 

Kurz darauf, auf dem Weg zur Großen Freiheit, kommen wir nur langsam voran. Herr Pierron kennt all die Koberer, die vor den Striplokalen an der Reeperbahn stehen. Einen davon begrüßt er besonders herzlich, einen stämmigen, dunkelhäutigen Mann mit strahlendem Lächeln. „Aaaah, Charles, mon petit chat (mein kleines Kätzchen - Anm. d. Red.), wie geht es dir, mein Lieber? … Schau, hier! Ich werde interviewt.“ Er stellt uns höflich vor, sagt zu uns: „Und das ist Charles. Ein fantastischer Darsteller. 1976 hat er bei mir in der Show getanzt und er war einer der Besten.“ - „Was hat Ihn so gut gemacht?“ - „Sehen Sie, wie gut er gebaut ist. Und er ist überall gut gebaut. Er hat einen sehr großen Penis. Manchmal musste ich Angst haben, dass bei den Frauen etwas kaputt geht, wenn er viermal am Abend mit ihnen auf der Bühne war. Charles, hast du das viele Geld von damals eigentlich gespart?“ Charles lächelt. „Ja, ich habe drei Bungalows auf Jamaica.“

 

EVA KÖRNER, TÄNZERIN, WAR IM JAHR 2010 FÜR EINE SAISON IM SAFARI – 13. MÄRZ, MILLER, HAMBURG

 

Frau Körner, wie erinnern Sie das Safari?

Ich hab die Zeit dort genossen. Ist ja auch nicht anstrengend, lächelnd auf einer Bühne zu stehen und mit dem Hintern zu wackeln. Du durftest nur die Schritte nicht vergessen. Da ist unser Choreograf Jeff schon mal ausgeflippt. 

 

Vor dem Publikum? 

Einmal ist er bei einer neuen Tänzerin während ihrer ersten Show auf die Bühne gerannt und hat sie vor den Gästen von einer Seite zur anderen bugsiert, weil sie falsch stand. Das haben mir die anderen Darsteller vor meinem ersten Auftritt erzählt und dann hatte ich meine Bühnenpremiere mit schweißnassen Händen. 

Was war Ihr prägendstes Erlebnis mit Jeff?

Er hat einmal gesagt: „Du bist so sexy wie ’ne Tür.“ Das habe ich ihm aber nicht übel genommen, wir haben uns sehr gut verstanden.

 

Haben Sie vorher schon als Stripperin gearbeitet?

Nein, ich war Bardame im Veermaster. Bei einem Feierabendbesuch im Safari stand dann Jeff vor mir und sagte: „Hallo, wer bist du denn?“ Darauf sagte einer meiner Kollegen: „Hier Jeff, ich hab dir eine neue Tänzerin mitgebracht.“ Jeff darauf: „Ist das jetzt ein Scherz oder dein Ernst?“. Tja, und dann hab ich gefragt, wie viel man da verdient. 

 

Und schon waren Sie engagiert? 

Jeff sagte in der Nacht, sie hätten alle schon ein bisschen getrunken. Es sei nicht die richtige Zeit, um über Geld zu reden. Wir haben uns am nächsten Tag getroffen. 

 

Was hat Sie überzeugt?

Der Vertag hat mir sehr gut gefallen. Das war ein ganz normales, versicherungspflichtiges Verhältnis. Wie im Bürojob hattest du da deinen Lohnzettel, Krankenkasse, alles auf Lohnsteuerkarte. Ich dachte nur: Super. Nicht mehr drei Teilzeitjobs, sondern ein Vollzeitjob. 

 

Haben Sie gut verdient? 

Das waren ungefähr 70 Euro die Nacht. Der Lohnzettel schwankte immer so zwischen 1000 bis 1300 Euro im Monat. Wirklich wie ein normaler Job. Fünf, sechs Tage die Woche. Acht Stunden. Von 20 Uhr bis morgens um 4 Uhr. 

 

Harte Arbeitszeit.

Ich kann mir aber keinen besseren Job vorstellen. Für das Geld? Dafür müsste ich mich sonst im Büro den ganzen Tag von einem blöden Chef stressen lassen. Da gehe ich doch lieber nachts vier mal zehn Minuten auf die Bühne und lege den Rest der Zeit die Füße hoch. 

 

Mussten Sie zwischen den Auftritten nicht irgendwo hübsch rumstehen? 

Ja klar, da hat man auch mal hübsch rumgestanden. Das ist gut fürs Trinkgeld, vor allem wenn man sich was ausgeben lässt. Die meisten Gäste haben das bei uns gern gemacht. Ich denke das lag daran, dass die Getränkepreise in der Karte standen. 

 

Was ja nicht ganz unerheblich ist. 

Es gab ja immer wieder Gäste, die aus einem anderen Laden kamen, in dem sie abgezogen wurden. Da haben die dann 2000 Euro oder mehr lassen müssen. Deswegen waren sie bei uns völlig begeistert, von Vornherein zu wissen, was der Spaß kostet. Etwas ausgeben wollen ja einige. Sie wollen sich nur nicht betrügen lassen.

 

Hatten Sie keine Hemmungen, sich plötzlich vor Fremden auszuziehen? 

Ganz im Gegenteil. Es fiel mir nicht schwer, weil da nur Leute saßen, die ich nicht kannte. Die konnten meinetwegen gerne denken, dass ich hässlich oder schön bin, eine Hure oder eine gute Tänzerin. Wenn der Saal voll mit Freunden und Familie gewesen wäre, hätte ich das nicht gemacht. 

 

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? 

Jede Show war zehn Minuten lang und für diese zehn Minuten musste man richtig üben, wie im Theater oder Cabaret. Die ersten Wochen habe ich drei- oder viermal die Woche nachmittags Proben gehabt. 

 

Mit Jeff? 

Ja. Immer wieder seine Choreografie, zu zwei Liedern, alles im Kostüm. Der erste Song war nur ein Tanz und ging dann in den zweiten über, eine richtige Stripshow. 

 

Wie sah ihr Kostüm aus?

Ich hatte eine Art Burlesque-Outfit. Das war eine Corsage, ein halber Rock mit einer Blume hinten, vorne war der offen, und noch so ein kleines Jäckchen. Alles in lila-schwarz.

 

Sie haben die ganze Saison dasselbe Kostüm getragen? 

Klar, aber ja immer an und aus. 

 

Haben Sie auch nackt getanzt? 

Nein, das Finale war der Slip. Dann war’s vorbei. 

 

Und zu welchen Liedern? 

Das erste war Lady Marmelade von Christina Aguilera. Das war wie ein kleines Theaterstück, das ich lernen musste. Vor mir standen vier leere Stühle und ich musste mir vorstellen, dass darauf Männer sitzen.

 

Hätten Sie auch Sex auf der Bühne haben wollen? 

Da war meine Grenze erreicht: Kein Sex mit Menschen, die ich nicht kenne. 

 

Vielleicht haben deswegen hauptsächlich Pärchen die Live-Sex-Performances gemacht?

Das ist auf jeden Fall besser. Das waren alles glückliche Paare. Ich habe die Biene Majas mal gefragt, ob die zu Hause noch Sex hätten. Hatten sie natürlich. 

 

Hat Ihnen die „Biene Maja“-Show gefallen?

Das hat mich geprägt fürs Leben. Ich kann seitdem nicht mehr die echte Biene Maja gucken. 

 

Beschreiben Sie mal, wie sah das aus? 

Das war ein Paar, Maja und Willie, beide in so einem Bienenkostüm. Die haben das Programm angefangen mit Sprechrollen. Sie: „Hallo Willie“, er: „Hallo Maja!“. Und dann ging‘s zur Sache. „Lass mich dich bestäuben“. Ich weiß den Text nicht mehr genau, auch wenn ich mir das jeden Abend viermal ansehen musste. 

 

Wie reagierte das Publikum? 

Die meisten haben gelacht. In einem Live-Sex-Cabaret erwartet man ja nicht, dass plötzlich Biene Maja von der Decke schwebt. 

Konnte man überhaupt etwas vom Sex sehen? Bei so viel Kostüm?

Die haben sich des Kostüms entledigt, also der Flügel und der Hosen. Da hat man schon was gesehen, mal mehr, mal weniger, wie in einem Softporno. 

 

Was hat Ihnen im Programm besonders gut gefallen?

Dracula, der hatte immer wechselnde Frauen. Die, die das zu meiner Zeit gemacht hat, war eine richtig gute Darstellerin. 

 

Warum? 

Sie hatte professionell Tanzen gelernt. Eine Philippinin, die zwar schon etwas älter war als wir anderen, aber die konnte sich so bewegen, dass es einem die Schuhe ausgezogen hat. Egal ob mit Fieber oder Knieschaden, die hatte eine Bombenausstrahlung. 

 

Gab es da auch eine andere Reaktion im Publikum? 

Da herrschte Ruhe im Saal und die Leute guckten etwas ungläubig. Oh, die haben da jetzt wirklich Sex miteinander. Da ist ein Glied. Besonders am Anfang beim Oralsex und bei den unterschiedlichen Positionen. 

 

Welche Positionen waren das so? 

Bei Dracula erst ein bisschen wie bei der Missionarsstellung, nur dass er kniete und zum Publikum gewandt die Brust rausstreckte, während sie in Trance vor ihm lag. Dann wurde sie umgedreht, so dass sie beide ins Publikum schauten. Dadurch dass er eine sehr gerade Körperhaltung hatte, war das schon sehr präsent alles. Sie war auch recht zierlich und er einigermaßen groß. Das sah schon ganz gut aus. Auf jeden Fall eine ganz andere Stimmung als bei Biene Maja und Willie, das war ja eher lächerlich. Bei dem Vampir in seinem Kerker mit dem großen,roten Bett, da guckt man schon hin. 

 

Was passierte nach „von hinten“? 

Nach „von hinten“ war, glaube ich, fertig. 

 

Applaudierten die Zuschauer dann? 

Mal ja, mal ein. Die meisten haben aber geklatscht und waren wirklich begeistert. Na ja, viele fragten natürlich, wie oft der das schafft. Wenn man dann sagte: „Viermal am Abend, fünfmal die Woche“, da haben die Männer im Publikum schon gestaunt. Die anderen haben einfach geklatscht wie im Theater. Tolle Show, tolle Darsteller, super gemacht. Danke. 

 

Und dann kam die nächste Nummer. 

Ja, und zwischendurch wurde immer die Bühne umgebaut. 

 

Wer machte das? 

Jeff und der Vampir. 

 

Warum sind die Leute am Ende nicht mehr ins Safari gekommen? 

Das Safari war eine Attraktion. Es war auch noch oft voll, am Wochenende bis auf den letzten Platz. 

 

Es hat aber anscheinend nicht gereicht.

Man hätte in die Einrichtung und in die Bühne investieren müssen. Die Shows hätten teilweise etwas mehr der heutigen Zeit angepasst werden können. Das lag nach meinem Gefühl aber nicht an Jeff, sondern an Herrn Schneidereit. Der war sehr alt. 

Also kein generelles Desinteresse an Live-Sex?

Nein, Pornos sind zum Beispiel etwas völlig anderes. Im Safari standen eher normale Menschen auf der Bühne, richtige Menschen in einem Raum mit dem Publikum. Damit kann man sich vielmehr identifizieren als mit einem Porno. Pornos sind unnahbar und nicht schön. 

 

Wie haben Sie die Schließung empfunden? 

Ich bin traurig. Das Safari war ein besonderer Ort, an dem ich gern wieder arbeiten würde.

 

 

___Anne Backhaus, freie Autorin in Hamburg und dem Rest der Welt, hat ein Herz für Außenseiter, Abgründiges und zarte Kleinigkeiten. 

 

___Ulf Pape, arbeitet als freier Autor in Hamburg, mit einer Vorliebe für Dinge, Orte und Menschen, die nicht mehr funktionieren.

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