Herr Sinasi zeigt uns seine Heimat

by Ulf Pape 21.11.2014

Zum Bild deutscher Großstädte gehören sie seit beinah einem halben Jahrhundert.  Wir gehen jeden Tag an ihnen vorbei, aber niemals in sie hinein. „Warum eigentlich nicht?“, fragte mich mein Freund, der Fotograf Denys Karlinskyy. Ein Besuch in türkischen Kulturvereinen in Hamburg-St. Pauli.

Rund tausendmal dürfte ich an dem türkischen Kultur-verein in der Paul-Roosen-Straße schon vorbeigegangen sein, die von hingerotzten Graffiti überzogene Fassade begutachtend, einen Blick durchs Fenster erhaschend. Im Vorbeigehen. Ich wohne in dieser Straße, in diesem winzigen Dorf, in dem ich die meisten Betreiber der kleinen Läden kenne und grüße: Fabio von der Tarterie, die stets fein hergerichtete Blondine vom Second-Hand-Laden, die Blumenverkäuferin an der Ecke Blei-cherstraße, die Kassiererinnen vom Edeka, unseren geschätzten Gemüse-Torsten. Überall habe ich schon eingekauft, gegessen und getrunken, in der Not ein Geschenk bei einem der vielen Kleinkünstler gekauft, mir die Haare für zehn Euro bei Angela im Haartreff schneiden lassen, und mit hoher Wahrscheinlichkeit bin ich auch schon mal zu später Stunde mit Freunden in das alte Saufloch „Zur lustigen Mama“ gestolpert. Neben der Kneipe gibt es einen türkischen Imbiss, der rund um die Uhr geöffnet hat und dessen Betreiber einem jederzeit mit einem fürs Abendessen fehlenden Bund Petersilie aushelfen kann. Man kennt sich. Man grüßt sich.

 

Nur die Tür des türkischen Kulturvereins hinter der seltsam zusammengezimmerten Fassade blieb mir bisher verschlossen – obwohl sie meistens offen steht. So weit sie auch offen steht, schien es mir schon immer unmöglich, durch sie hindurchzugehen. Und es ist nur einer von zahlreichen türkischen Kulturvereinen in der ganzen Stadt, in ganz Deutschland. Räume, die wir einfach nicht betreten. Liegt das an denen oder an uns? Woher kommt die Mauer, die diese Räume von uns abschirmt?

 

Wenn ich daran vorbeigehe, verlangsamt sich mein Schritt, ich werfe einen Blick ins Innere, und aus dem Inneren ruft es die ewig gleichen Fragen zurück: Was machen die Männer da drinnen – in dem oft bis auf den letzten Platz besetzten Raum? Und was für eine seltsame Auffassung von Gemütlichkeit haben die? Licht aus Halogenröhren, alte Konferenzraumstühle, dröhnende Flachbildfernseher, auf denen türkische Filme laufen oder Fußball. Je öfter ich daran vorbeigehe, desto abenteuerlicher werden die Bilder, die mir die dicken Marlboro-Rauchschwaden entgegentragen. Geldwäsche. Glücksspiel. Drogenhandel. Und genau das ist der Moment, in dem ich aufschrecke. Mir wird gewahr, wie sehr ich auf die Klischees hereinfalle, für die ich andere sonst angreife und eines Besseren belehre. Aber was weiß ich schon besser? Tatsächlich scheint es mir einfacher, einen Flug nach Istanbul zu nehmen, als in diesen rumpeligen Laden voller alter Männer in meiner Nachbarschaft einzutreten.

 

„Son Durak“ steht auf dem Schild über der schmalen Tür geschrieben, vor der Denys und ich nun stehen. „Türkischer Seemannsverein e.V.“, geziert von einem Schiffssteuerrad, Möwen und Ankern. Denys ist mit einer gewaltigen Canon bewaffnet und ich mit Notizblock und Stift. „So, wir gehen da jetzt rein“, sage ich und mache gleichzeitig wieder einen Schritt zurück. Denys lacht. Seit anderthalb Stunden schlagen wir Zeit tot, haben in der Tarterie Kaffee getrunken, uns Fragen überlegt, und auch, was alles schief gehen könnte. Auf die Fresse wird uns niemand hauen – da sind wir uns einig. „Was soll ich denn sagen, was wir hier wollen?“ – „Ja“, sagt Denys, „wir wollen halt wissen, was die da machen.“ – „Aber warum gehen wir dann nicht in „Die lustige Mama“ und fragen, warum die seit heute Morgen um acht Bier trinken?“ – „Weil wir das schon wissen. Und jetzt wollen wir etwas Neues wissen.“

Denys stößt die Tür auf, es ist zwei Uhr an einem Donnerstagnachmittag. Grauer Teppich, grelles Licht, qualmdicke Luft. Hier drinnen ist es genauso kalt wie draußen. Drei von über zehn Tischen sind besetzt. Männer, die meisten jenseits der Fünfzig, deren Anoraks teilweise recht zerschlissen erscheinen, blicken ganz kurz von ihren Karten auf, spielen dann weiter. Weite Cordhosen, grau-karierte Flanellhemden, Schiebermützen. Einer kommt sofort aus einem Seitenraum auf uns zugeschossen, sein Blick überrascht bis empört, fragt uns, was wir hier wollen. Ja, wenn wir das wüssten. Mal vorbeischauen, mal fragen, was das für ein Café ist. „Müsst ihr mit dem Chef sprechen. Chef kommt.

 

“Der Chef eilt herbei, lächelt verlegen , positioniert sich hinter seinem Tresen, werkelt an einem riesigen, modernen Samowar herum. „Keine Zeit“, sagt er, „gar keine Zeit! Gäste, Gäste!“ Der andere Mann schaut fragend an Denys und mir herunter, was ich mit offensivem Zurücklächeln zu unterbinden versuche. „Wir interessieren uns für die türkischen Kulturvereine hier in der Straße.“, sage ich.

 

Langsam taut er auf, Herr Sinasi – die Frage nach seinem Namen hat geholfen. Er legt Toastbrote auf einen Pappteller, mit dem sein Kollege im Seitenraum verschwindet, bietet uns Tee an und beginnt zu erzählen. Früher sei er zur See gefahren, hätte irgendwann aber keine Arbeit mehr auf den Schiffen bekommen. Die ganze Welt habe er gesehen. So landete er in Hamburg, fern seiner Heimat, und eröffnete in der Paul-Roosen-Straße seinen ersten Kulturverein, gegenüber, auf der anderen Straßenseite. „Son Durak“, das heißt Endstation. 

 

Er stamme aus Trabzon am Schwarzen Meer, wie auch viele der Männer hier im Verein. Kurden seien ganz wenige darunter, vielleicht vier oder fünf in den letzten Jahren. Er deutet auf eine vergilbte Landkarte an der vertäfelten Wand und führt uns dorthin, hinter einen Tisch, an dem fünf Männer das türkische Rommé spielen, Okey, und rauchen – so viel rauchen, dass die Türkei auf der Landkarte nur noch unter einem zähen, hellbraunen Marlboro-Film hindurchschimmert. Herr Sinasi zeigt uns seine Heimat. Seine Frau lebe dort und auch seine vier Kinder, viele Enkelkinder. 

 

„Meine Frau bekommt kein Visum.“, sagt er und zieht die Mundwinkel nach unten. Oft hätten sie es versucht. „Einen Grund hat der Deutsche in Ankara nicht gesagt. Einfach: geht nicht.“ Er zuckt mit den Achseln, erzählt, dass er jeden Sommer für ein paar Wochen nach Hause fahren würde und sieht dabei so aus, als wisse er, dass es für dieses Visum keine Hoffnung mehr gebe. „Aber hier kommen auch manchmal Frauen in den Verein, oder?“, frage ich. „Frauen? Nein, nein!“, sagt er. „Aber ich habe hier mal im Vorbeigehen welche gesehen.“ – „Ja, früh morgens zum Putzen vielleicht.“, sagt er und lacht ein trauriges Lachen. 

Immer wenn unser Gespräch kurz pausiert, fragen die Männer von den Tischen den Wirt irgendetwas auf Türkisch, woraufhin seine Antworten für ein paar Lacher sorgen. Manche schauen uns freundlich an. Die meisten ignorieren uns, spielen weiter vor sich hin. Glücksspiel erlaube er nicht, sagt Herr Sinasi, und das sei auch kein Problem. In zwanzig Jahren hätte kein einziges Mal die Polizei hier herkommen müssen. Nein, dies sei ein ruhiger Laden, beteuert er. „Stress gibt’s nur, wenn Zigarettenautomat leer ist. Dann geht hier gar nichts mehr.“

 

1600 Euro zahle er an Miete für die rund 150 Quadratmeter. Zwölf Tische. Zwei Fernseher. Es seien viele Rentner und Arbeitslose, die hier herkommen, und viele von ihnen lebten ohne ihre Familien in Hamburg. Früh morgens kommen die ersten. Am Abend leert es sich ab neun oder zehn Uhr. Tee. Sehr viel Tee. Mehr würde er nicht verkaufen. Ein paar Cola, bisschen Wasser. Er zuckt mit den Schultern, streicht sich einmal über seine kurzen, grauen Haare und setzt nach: „Geschäft nicht einfach!“ – „Aber ab und zu gibt es schon mal einen Raki?“, frage ich. Herr Sinasi wird rot und sagt, „Nein, nein, ganz selten. Nur für beste Freunde.“ Ich blicke auf den Kühlschrank schräg hinter dem Tresen, randvoll, auf den unteren Regalen auch mit Bierflaschen. Aber tatsächlich habe ich hier im Vorbeigehen nie jemanden Bier trinken sehen. Ob auch schon mal Deutsche hier waren, will ich wissen. „Nein, Deutsche noch weniger als Kurden.“

 

Denys schießt ein paar Bilder. Die Okey-Spieler schmeißen ihre Spielsteine in die Tischmitte. Neue Runde. Mehr Tee. Zigaretten glimmen. Die Fernseher sind noch aus. Keine Musik. Es ist kalt. Wir verabschieden uns. Herr Sinasi lächelt freundlich. Keine Ahnung, warum ich nicht mal eher hier hergekommen bin.

 

Zurück auf der Straße tänzelt Denys um einen parkenden Mercedes herum, um das Haus von außen zu fotografieren. Ein Mann ruft uns zu: „Scheiß viele Türken hier in der Straße, nä!“ Ich schaue ihn irritiert an. Er steht in der offenen Tür des „Ay-Yildiz Kulturverein e.V.“ und trägt eine grüne Bomber-jacke, hat kurzgeschorene Haare. Er lacht und fügt hinzu: „Oder scheiß viele Deutsche, nä! Wie man’s nimmt!“ Ich sage ihm, dass wir „Son Durak“ besucht haben, weil wir uns für die Kulturvereine interessieren. „Ja, Bruder, warum guckst du denn so lange da drüben? Ihr müsst auch mal bei uns gucken. Kommt her, ich lade Euch auf einen Tee ein!“

 

Das „Ay-Yildiz“ ist deutlich kleiner, aber auch kalt, auch verraucht. Zwei Spielautomaten stehen an einer Wand. Hinter dem Tresen arbeitet eine Frau. Wir setzen uns mit Ismail, Bomberjacke, zu einem Mann um die Dreißig an einen Tisch. Er stellt sich als Murat vor. Die Beiden freuen sich offensichtlich sehr, dass wir da sind, reißen einen Witz nach dem anderen. Würden die Söhne von Herrn Sinasi in Deutschland statt in Trabzon leben, säßen sie vielleicht eher hier als drüben bei den Alten. Eine andere Generation, eine fließendere Sprache und eine Spielfreude in der Integrationsdebatte. „Ich verkleide mich auch oft als Kartoffel“, sagt Ismail, „ist gut fürs Geschäft.“ Er handele mit Mosaiklampen und über das Geschäftliche kämen die Menschen viel schneller zusammen, als zum Beispiel in der Freizeit. Bei seinen Kindern achte er deswegen darauf, dass sie oft mit deutschen Kindern spielen. „Ja, die sind besser erzogen. Da sagen die Eltern, Hans, du bist um neun zu Hause.“ Und wieder brechen die Beiden in schallendes Gelächter aus. 

Mehr Tee wird gebracht, mehr Zigaretten geraucht, mehr über die verkrampften Vorbehalte gegen Ausländer gewettert. Die Frau hinter dem Tresen stellt auf Türkisch zahllose aufgeregte Fragen, die Ismail nur lachend abwinkt. 

 

Eine Gruppe von türkischen Bauarbeitern kommt herein und einer der Männer fragt Denys sofort beim Anblick der Canon auf dem Tisch: „Ey, willst du die Kamera verkaufen?“ Alle lachen – und zwar darüber, dass sie sich der Klischees bewusst sind, die andere über sie haben. Murat sagt, es sei schade, dass so selten Deutsche kommen. „Alle kommen. Bulgaren, Rumänen, Serben, Kurden, ganz egal. Nur ihr nicht!“ Dann fügt er gut gelaunt hinzu: „Kommt doch öfter! Und bringt eure Freunde mit. Wir brauchen Opfer beim Kartenspielen!“ Es gibt noch mehr Tee, mehr Sprüche, mehr Fragen. Ismail muss irgendwann los. Murat bleibt sitzen. Wir gehen weiter.

 

Viel mehr weiß ich nun nicht über türkische Kulturvereine. Aber ich weiß, dass Herr Sinasi seine Frau vermisst. Und ich weiß, dass ich unsichtbare Mauern ins Wanken bringen kann. Räume gilt es zu öffnen. Ein paar Tage später kommt Murat mir auf der Straße entgegen, lacht mich an, gibt mir die Hand. Man kennt sich. Man grüßt sich. Wenigstens ein bisschen mehr als zuvor.

 

 

___ Ulf Pape, angehender Literaturwissenschaftler, arbeitet als freier Autor in Hamburg und hat ein übersteigertes Interesse an seinen Nachbarn.

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