„ Das muss doch mal einer merken, dass das witzig ist.“

by Ulf Pape, Nahuel Lopez 02.09.2015

Von den einen als Trash verlacht, machten die anderen Scooter zu einem Phänomen von Dauer: 30 Millionen verkaufte Alben und ein 20 Jahre dauer-shoutender Frontmann mit blondierten Haaren. HP Baxxter ist eine Ikone unserer Zeit geworden. Wir wollten von ihm wissen, wie hardcore er tatsächlich ist.

20 Jahre „Hyper Hyper“ – nichts verkörpert Scooter bis heute mehr als dieser eine Track. Können Sie sich selbst noch damit identifizieren?

Der Track brachte das Gefühl der Zeit damals sehr gut auf den Punkt. Diese Stimmung und die Euphorie der frühen Techno-Phase konnte man mit „Hyper Hyper“ super umschreiben. Heute hat sich das natürlich geändert.

 

„Hyper Hyper“ ist ein geflügeltes Wort der damaligen Zeit geworden. Bis heute weiß aber keiner so genau, was „Hyper Hyper“ eigentlich bedeutet.

Das war ein Modewort. Es gab in der Kensington High Street in London zum Beispiel einen ganz hippen Laden, der hieß Hyper Hyper. Und ich selbst hatte schon, bevor es den Song überhaupt gab, spätabends auf irgendwelchen Raves, wenn ich gut drauf war, „Hyper Hyper“ gerufen. Auch bei unserem ersten Auftritt, der echt freestylemäßig war. Ich hatte nur die Idee, ich mach jetzt mal auf MC und habe dann immer „Hyper Hyper“ ins Mikrofon gebrüllt. Die Leute sind ausgerastet. Und daraufhin hatten wir erst die Idee, daraus überhaupt einen Track zu machen.

 

Tatsächlich haben Sie innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende Singles verkauft. Ein Riesenerfolg.

Ja, das war unheimlich. Vor allem, weil wir aus dem Nichts kamen. Viele wussten das gar nicht einzuschätzen: Was ist Scooter? Was machen die? Dann kam der Verdacht auf, wir seien ein Retorten-Act mit einem findigen Produzent im Rücken, der drei Raver auf die Bühne stellt, die „Hyper Hyper“ rufen. Die haben gar nicht begriffen, dass wir schon acht Jahre im Keller gesessen hatten, mit unserer ersten Band „Celebrate The Nun“ und alles selbst komponierten. Für einen Durchbruch hat das aber nie gereicht. Als Musiker waren wir eigentlich gescheitert.

 

Mit dem Scheitern hatten Sie sich da schon abgefunden?

Ja. Und das ist genau der Punkt. Wenn man sich nämlich von diesem inneren Druck freimacht, läuft es plötzlich wie von selbst. Das ist verrückt. Wäre ich immer so verkrampft

gewesen, in die Charts zu wollen, hätte das nie funktioniert.

 

Und das war vorher so?

Ja.

 

Scooter hat immer stark polarisiert. Vielen galt „Hyper Hyper“ als Inbegriff der Substanzlosigkeit. Sie selbst wurden mit Häme überschüttet. Scooter war für viele schlichtweg Müll. Wie geht man mit solchen Anfeindungen um?

Das war schon ziemlich krass, die ersten zwei, drei Jahre vor allem. Wir wurden ja teilweise angepöbelt, das war heftig. Aber wir hatten in der ganzen Zeit auch wahnsinnigen Erfolg und die Befriedigung überwiegt dann doch als der Gedanke daran, wie man imagemäßig gesehen wird oder was die Presse von einem denkt. Ich hab ein wirklich dickes Fell. Hinzu kommt, dass ich es gewohnt bin, noch aus der Schulzeit, eine Außenseiterposition zu haben. Weil ich immer gegen den Strom war. Sowohl von meiner Meinung als auch von meinem Musikgeschmack und später auch von meinem Äußeren.

 

Sie sind in Ostfriesland mit rotem Lippenstift und mit Kajal untermalten Augen zur Schule gegangen.

Ja, ich hatte einen Hang zum Extrem und zur Provokation. Das hat mir immer irgendwie Spaß gemacht. Hab auch immer Leuten vor den Kopf gestoßen und musste damit leben, dass die lästern. Ich hab schon immer eine Gegenhaltung gespürt. Das war für mich nichts Neues. Es war eher selbstverständlich, dass das mit der Band dann so weitergeht.

 

Klingt fast so, als hätte der Gegenwind Ihnen Auftrieb gegeben.

Ja, mir gibt das noch mal so einen Schwung. Ich glaub sogar, das ist gefährlicher, wenn du von allen hochgejubelt wirst. Das hat man ja oft. Es gibt plötzlich Phänomene, die sind in aller Munde, so ein Hype entsteht, und ein Jahr später sind die Leute in der Versenkung verschwunden. Das ist viel gefährlicher.

 

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Sie heute ausgerechnet das Feuilleton für sich entdeckt und mit Lobgesängen preist?

Ja, das finde ich auch echt bemerkenswert. Da habe ich in der Form nicht mit gerechnet. Auf der einen Seite ist es ja so, wenn man sich lange genug hartnäckig hält, wird das – in Deutschland auf jeden Fall – wirklich honoriert. Dass man in Richtung Kult rutscht und plötzlich ist es dann doch gut, was man früher schrecklich fand. Klar hab ich früher auch mal gedacht, bei Texten, die ein bisschen abstrakt waren und einen Witz hatten, Mensch, das muss doch mal einer merken, dass das witzig ist. Dann dachte ich aber auch, das hört sich wahrscheinlich gar keiner richtig bewusst an. Und plötzlich kommen diese vielen Textzeilen aus unseren Tracks wieder auf und werden als Zeichen einer bestimmten Zeit gedeutet und ich gebe zusammen mit dem Maler Albert Oehlen ein Interview über Kunst und Kunstsprache und Parallelen zu Musik und Sprache. Das war hochinteressant.

Ist diese späte Akzeptanz, die Sie nun auch durch die vermeintliche Hochkultur erfahren, eine Genugtuung?

Natürlich freut es mich, dass endlich auch mal was Positives aus der Ecke kommt. Andererseits sehe ich das auch gelassen. Es ist jetzt nicht so, dass ich denke, haha, hurra, siehste, wir haben doch recht. Vieles ist vielleicht auch nachvollziehbar. Wenn du da ankommst und die Zeit ist noch nicht reif und einige verstehen das einfach nicht.

 

Darf man es auch als fortgeschrittene Provokation betrachten, wenn Sie dann noch eine Arte-Sendung moderieren und Thomas-Bernhard-HoÅNrbücher einlesen?

Das fand ich schon ganz cool, zumal nichts davon zwanghaft herbeigeführt wurde. Wir sitzen nicht am Reißbrett, um jetzt mal am Image zu arbeiten. Das hat sich immer alles wie von selbst entwickelt. Das ist real und nicht auf Krampf.

 

Hat das Feuilleton Sie früher vielleicht auch einfach viel zu ernst genommen, während Sie das alles mit einer gewissen Gelassenheit gemacht haben?

Ich wollte ja gar nichts Hochtrabendes sagen. Aber ich freue mich, wenn jemand so etwas darin erkennt. Ich gebe mir da auch wirklich Mühe, mit Worten, mit Sprache rumzujonglieren. Und ich erkenne, wenn ein Text mit dem Beat funktioniert. Für mich ist das ein Bestandteil der Musik. Vom Versmaß her. Das sind so viele Faktoren, die ausmachen, ob das die Leute anspricht oder im schlimmsten Fall stört.

 

Hat Scooter nicht vielleicht sogar die Kurzkommunikation erfunden, die wir heute mit Smileys betreiben?

Man kann die Verbindung ziehen, aber ich wäre selbst nicht auf den Gedanken gekommen. Ich bin oft überrascht davon, was Menschen in unserer Musik entdecken.

 

Braucht es das Knappe, die kurze Aussage, um das große Ganze zu verstehen?

Kann funktionieren. Wenn es um ein Feeling geht, ist es manchmal besser. Da ist „Hyper Hyper“ für mich immer noch ein Paradebeispiel. Das fasst alles zusammen. Aber manchmal braucht es eben auch ein paar Worte mehr.

 

Amüsiert es Sie beim Texten, wenn Sie merken, ok, hier ist mir jetzt eine richtige Gaga-Line gelungen?

Ja klar, da freue ich mich schon.

 

Wo fallen Ihnen die besten Zeilen ein?

Die Rhythmik mache ich im Studio, aber die Ideen für die Lyrics kommen meistens außerhalb des Studios. Irgendwo. Da schreibe ich mir Sachen auf, tippe das ins Handy, wenn ich irgendeine Zeile finde oder einen Reim oder einen witzigen Spruch. Oder man hat schon einen Großteil und im Studio kommt plötzlich ein Geistesblitz. Wie dieses Schlusswort in unserer neuen Single: „Nobody’s hotter than Shotta.“

Was ist Ihre Lieblingszeile?

Also vom Tonfall war das lange Zeit „Gothic doesn’t exist“. Weil das auch gar keinen Sinn macht. Das ist ein Zitat aus einem MTVBericht über die Gothic-Kultur. Lief Ende der Neunziger. Da war ein Typ, der sah aus wie Sisters of Mercy, pechschwarze Haare, in Leder gehüllt. So ein Londoner. Und der sagte ganz bedeutungsschwer in die Kamera: „Gothic! Doesn’t! Exist!“ Das fand ich so gut, das habe ich dann gleich übernommen und irgendwie klang das bedeutsam, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat. Eine andere Lieblingszeile von mir ist natürlich: „I am the horseman.“

 

Sie bewegen mit solchen Schlachtrufen Massen. Ist das Shouten auch ein Gefühl von Macht?

Das wurde ich schon öfter gefragt, kann das aber gar nicht bestätigen. Auf Konzerten ist das eher eine Gesamtenergie und da sehe ich mich als Teil des Ganzen und gebe nur Impulse. Natürlich ist das ein tolles Gefühl, wenn alle mitschreien und mitmachen. Das ist aber Interaktion.

 

Neben Rammstein und den Scorpions ist Scooter wahrscheinlich eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Bands im Ausland. Was macht das mit einem?

Der Erfolg im Ausland ist eine große Genugtuung. Wenn du durch Moskau läufst und hundert Leute kommen an und fragen auf Russisch nach Autogrammen und Fotos, finde ich das cool. Und das habe ich in vielen Ländern. Dann merkt man doch, man hat echt was erreicht. Da freue ich mich jedes Mal.

 

Öffentliche Skandale sucht man bei Ihnen vergebens. Hat Sie das klassische Rockstarleben nie interessiert?

Nö, alles wohl dosiert. Völlig auszuflippen, war auch nicht mein Ding. Aber schon, dass man ab und zu auch mal ein bisschen ausschweifendere Partys hat. Gehört auch dazu, finde ich. Sonst macht es keinen Spaß. Also ich könnte nicht so routiniert mit Stechuhr auf die Bühne, danach ins Bett. Die Show war bei uns immer ein Bestandteil des Abends. Man fängt an, geht nett essen, dann vorglühen. Eigentlich wie früher, wenn man in die Disco ging, jetzt halt Backstage-Bereich. Da wird laut Musik gehört. Man stimmt sich ein. Später dann After-Show-Party. Das ist wirklich ein ganzer Abend und das macht unheimlich Spaß. Aber ich bin eigentlich ein ziemlich beständiger Typ. Ich pflege stoisch meine Rituale.

Aber ist es nicht auch eine Bürde, diese Marke erfüllen zu müssen mit der immer gleichen blondierten Frisur?

Irgendwie gewöhnt man sich ja an sich selbst. Und nun hat man ja auch nicht mehr ganz so viele Haare wie vor 20 Jahren. Also Dreadlocks würden jetzt nicht funktionieren. Und es ist auch so: Was ich liebe, das bleibt, wie es ist. Vor 18 Jahren habe ich mal versucht, an meinem Äußeren etwas zu machen. Weil mich das genervt hat, im Urlaub immer diese Fotos und Scooter und so. Und da habe ich mir die Haare einfach mal braun gefärbt. Aber das sah schrecklich aus. Da kamen die Leute an: „Mensch, HP, hast du die Haare jetzt dunkel?“. Hat also nichts genützt, und dann habe ich die gleich wieder blondiert.

 

Die ostfriesische Beständigkeit.

Das kann wirklich sein. Ich bin ja tatsächlich so aufgewachsen. Und wie das schon bei Rocko Schamoni und so ist: Du kriegst zwar den Punk aus’m Dorf, aber nicht das Dorf aus’m Punk. Und das ist ja eigentlich auch ganz gut.

 

Und Ihre Auflehnung dagegen war Ihr Äußeres?

Klar, meine ganze Jugend. Ich hab immer gedacht, „Ihr Spießer, lasst mich in Ruhe.“ Ich wollte immer alles noch verrückter und anders. Aber die Grundeinstellung zum Leben, gewisse Werte, die hat man einfach. Und ich muss sagen, das schadet auch nicht, ganz im Gegenteil. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man noch lebt und eben nicht völlig ausgeflippt ist, mit Drogen oder was weiß ich. Da hatte ich immer panische Angst vor und habe das nie probiert.

 

Wenn Sie darüber nachdenken, was Familie dort bedeutet, wo Sie herkommen, wünschen Sie sich dann auch Beständigkeit im Privaten?

Dieser Spruch, man könne nicht alles haben im Leben, ist wirklich wahr. Musikalisch, die Karriere, der Erfolg – da ist alles so gelaufen, wie ich es nicht mal gewagt hätte, zu träumen. Für mich war früher ein Ziel, einmal ins Fernsehen zu kommen. Einmal ein Video zu drehen. Einmal eine goldene Schallplatte. So! Und das hat sich ja alles fast hundertfach erfüllt. Da muss man vielleicht auch Abstriche im Privatleben hinnehmen.

 

Sie waren zweimal verheiratet.

Aber leider gab es nie diese Ruhe oder Beständigkeit, dass man das Gefühl hatte, jetzt könnte man auch mal ein Kind in die Welt setzen. Gerade in den letzten zehn Jahren hätte ich nicht mal was dagegen gehabt. Ich glaube, manchmal ist einem das einfach nicht vergönnt. Andererseits gibt es auch Leute, die sind ihr Leben lang zusammen und denken, Mensch, wäre ich doch ein Rockstar und hätte 80 Frauen in meinem Leben. Ich weiß es nicht. Das hat alles Vor- und Nachteile.

HP, wie hardcore fühlen Sie sich nach 20 Jahren „Hyper Hyper“?

Bei mir hat sich in der Hinsicht wenig verändert. Es steht immer noch die Party im Vordergrund. Man kann nicht sagen, dass es bei Scooter ruhiger werden würde. Letztes Jahr musste ich allerdings echt leiden. Wir hatten extrem viele Auftritte, Festivals, DJSets, dann noch Privatpartys und ich hatte zwei, drei schwere Erkältungen. Aber jetzt bin ich wieder fit. Und hardcore.

 

 

___Ulf Pape, geboren 1980, freier Autor in Hamburg, schreibt für Gruner + Jahr, Spiegel Online und weitere Medien. Er bespielt von FALL zu FALL jene Phänomene, die einen Bruch unserer Aufmerksamkeit ausmachen.

 

___Nahuel Lopez, geboren 1978, war Autor, Redakteur und Redaktionsleiter diverser Primetime-Formate bei ARD und ZDF. Seit 2007 ist er Autor des Feuilletons der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Er lebt und arbeitet als Journalist, Autor, Film- und Fernsehproduzent mit eigener Produktionsfirma in Hamburg.

 

___Produktion Dagmar Hanneger

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