TAKE THAT, SAUERLAND!

by Anna Liset Ahlers 19.08.2016

Den größten Teil einer Jugend in der Provinz verbringt man an der Bushaltestelle. Warten, dass man abgeholt wird. Oder man gründet schon in Kindertagen eine Band und holt damit selbst alle ab. So wie Dennis, Jona und Enis aus dem Sauerland. FALL hat die Band TIL beim Verlassen der Provinz begleitet – zu ihrem bisher wichtigsten Konzert. Ein Roadtrip. 

 

   Sechs Bierkästen stehen im Gang eines fahrenden Reisebusses, die meisten von ihnen sind schon leer, die Sitzplätze sind größtenteils von Teenagern belegt. Das Getratsche der jungen Menschen wird durch einen Hilferuf unterbrochen: »Frau Kaufmann, ich glaube Simon ist schlecht«. Die kleine Physiklehrerin mittleren Alters springt auf und hangelt sich von Sitz zu Sitz über die Bierkästen, um dem Alarm nachzugehen. Ihr eigenes Bier gibt sie dabei nicht aus der Hand. Ausnahmesituation. Dann aber Entwarnung. Simon muss sich nicht übergeben. Frau Kaufmann lässt sich wieder erleichtert auf ihren Sitz plumpsen und nimmt einen Schluck aus ihrer Bierflasche. Sie feiert. Alle um sie herum feiern auch. Insgesamt sechs Reisebusse sind beladen mit den Fans der Band TIL, um sie von Bonn zurück ins Sauerland zu fahren, in den etwa 80 km entfernten Ort Wenden. Daher kommt die Band TIL. Die Band hat einen großen Abend hinter sich. Einen Abend in der Großstadt.

 

   TIL, das sind Dennis, Enis und Jona. Alle drei haben das Abitur noch vor sich. Dennis ist der einzige Volljährige von ihnen. Ihre Gesichtszüge sind weich. Etwas schüchtern, aber freundlich werde ich am Nachmittag von den Jungs mit einem »Schön, dass du gekommen bist!« begrüßt.

 

   Noch vier Stunden bis zum Auftritt. Ich betrete den Zuschauerraum der Konzerthalle, das Brückenforum Bonn. Der Geruch von eingetrocknetem Bier liegt in der Halle, er hat sich im Holzboden festgesetzt – hat ’was Historisches. Auf dem Programm steht der Bandcontest »Toys2Masters«. TIL sind in der Endrunde. Es ist der größte Wettbewerb Nordrhein-Westfalens. 77 Bands traten in der Vorauswahl gegeneinander an. Heute Abend sind es nur noch sechs. TIL sind die Jüngsten. Außenseiterbonus? Provinzrevolte? Ihre Facebook-Seite zählt 500 Likes. 

 

   Gemeinsam im Zuschauerraum versammelt, lauschen Dennis, Enis und Jona hochkonzentriert den Probeauftritten der Konkurrenz, alle drei dabei ganz still. Ihre Bühnenoutfits haben sie schon an, wohl kuratiert: Sie tragen schwarze enge Jeans, schwarze Shirts, Dennis noch dazu ein schwarzes Stirnband. Seine Haare fallen so verwegen übers Stirnband, als hätte TIL den Contest schon gewonnen. Die drei werden heute Abend als letzte der sechs Bands spielen, danach wird eine fünfköpfge Jury ernennen – unter Berücksichtigung der Publikumsmeinung.

 

   Nach Musterung des blauen Bandes an meinem Handgelenk wird mir von einem Security-Mann ohne ein Lächeln die schwere Tür zum Backstage-Bereich geöffnet. Blau bedeutet »Access all areas« und mich beschleicht ein Penny-Lane-Gefühl. »Almost Famous«.

   Hier ist alles mit Neonröhren ausgeleuchtet, das Catering besteht aus Weißbrötchen mit Salamischeiben, bescheiden werden die Pappteller von den Bandmitgliedern selbst ent- sorgt. Die Papiertischdecke ist schon ein wenig feucht von Softdrinks, die daneben gegangen sind, ein laminiertes Poster an der Wand liest ALKOHOLVERBOT.

 

   Jona, der Schlagzeuger, erzählt, dass er schon im Kindergarten mit Enis, am Bass, Musik gemacht hat. Nur Dennis, heute Gesang und Gitarre, kam etwas später dazu. »Wir haben erst ’ne Instrumentalband gehabt.« Es war Bernward Koch, ein Musiker und Komponist aus dem nahen Siegen, der den damals fünfjährigen Instrumente in die Hand drückte und somit den Grundstein für das legte, was wir in immer schneller vergehenden Stunden auf der Bühne sehen werden.

 

   Sie erzählen, es sei heute Abend die größte Bühne, auf der sie bisher stehen durften. Aufregung. Die Hände nehmen sie nicht aus den Hosentaschen, doch dann greift sich Dennis seine neue weiße E-Gitarre, Enis zieht den Bass an sich. In stiller Absprache klingen sie zur Generalprobe ein und es scheint, als ob sämtliche Anspannung an den Instrumenten abfällt, langsam weicht sie auch von den Gesichtern.

 

   Jetzt huscht den Jungs ein Lächeln über die Lippen. Das, was sie tun, erfüllt sie – oh, Penny Lane – und mich erfüllt es auch. Wenn man sie beobachtet, wie sie warm werden, wie gut sie aufeinander abgestimmt sind, wie sie nur mittels Augenkontakt kommunizieren, fragt man sich, wie viele Nächte diese Jungs in ihren Kinderzimmern damit verbrachten, sich Auftritte wie diesen zu erträumen. Gleichzeitig bereut man es, nicht selbst mit fünf Jahren eine Band gegründet zu haben. Aus der Halle dröhnt der Publikumschor: »TIL TIL TIL TIL.« 

 

   Beim Betreten der Bühne, als letzte der sechs Konkurrenz- bands, äußert sich ihre gute Erziehung, sie murmeln wiederholend »gut gemacht« oder »war stark«, um ihre Vorgänger abzuklatschen. Rockstars mit Manieren. Jona hebt wechselseitig die Knie wie vor einem Marathonlauf, was sehnsuchtsvoll von einer Masse Mädchen an der Absperrung vor der Bühne beobachtet wird. Die Girls kreischen und drängeln und greifen sich in die Haare. Die drei Jungs haben Fans. Viele. Und dann erklingt ihre Musik.

 

   Beim Blick auf die Bühne sehe ich auf einmal Männer. Die weichen Gesichtszüge erkennt man aus dem Publikum nicht mehr. »Rockt die Hütte!«, schreit Dennis. Alle im Saal tanzen wild im Kreis, sie lassen völlig los, drehen durch. Und die drei Jungs fühlen sich auf der Bühne vor rund anderthalbtausend Zuschauern deutlich wohler fühlen als vorhin im Backstagebereich.

   Mädchen klammern sich im inneren Kern des tobenden Pub- likums an ihre Handtaschen, weil es sonst keinen Halt mehr gibt. Die Musik reißt mit. Ähnlich dem Auge eines Orkans tut sich im Publikum ein Loch auf, in der Mitte der Menge, sobald der Bass einsetzt, stürmen die Jugendlichen wie magnetisiert aufeinander zu und krachen als tobende Masse zusammen. Sie haben gewartet, endlich explodieren zu dürfen. Vereinzelt erhasche ich am Publikumsrand einige Eltern. Sie belächeln die Situation und sehnen herbei, dass die Minderjährigen das alles ohne Schaden überstehen.

 

   Mich lässt die Musik an meine erste Jugendliebe denken. Liebeslieder, das kann TIL auch. Die Jury wippt mit. Was einst beim Babyshambles-Konzert in meiner Hand die schwin- gende Flamme eines Feuerzeugs war, ist heute allerdings bei allen das leuchtende Smartphone.

 

   Der Auftritt ist vorbei, das Herzrasen bleibt jedoch bis zur Preisverleihung. Dennis fasst sich an den Kopf, das Stirnband sitzt noch.

 

   Die Bürgermeisterin der Stadt Bonn, Gabriele Klingmüller, hat die Ehre, den Preis zu übergeben. Den Veranstaltungs- namen hat sie vergessen, das Publikum muss ihr kurz auf die Sprünge helfen, »Toys2Masters«, egal, viel wichtiger ist, dass heute Nacht für eine kleine Gemeinde im Sauerland Geschichte geschrieben wird. Die jüngsten Männer des Abends, die Außenseiter, die Sauerländer, die Wendener, die schwarz Umwandeten, die alle mitreißen, ja, die Band TIL sind, so verliest es die strahlende Bürgermeisterin Bonns, die Gewinner. 

 

   Tränen, Erleichterung, Glück, Mädels, die sich an die Absperrung quetschen, um Selfies mit den Gewin- nern machen zu dürfen, Küsse, Umarmungen, Mutti, Oma, Klassenkameraden und Fans. Darauf eine Fanta.

 

   Sechs Reisebusse. Darin nirgends ein laminiertes Schild von Alkoholverbot. Zurück ins Sauerland. Frau Kaufmann, die Physiklehrerin, legt ihren blondierten Kurzhaarschnitt zurecht, bevor sie stolz ausholt: »Die Jungs haben wochenlang auf Weihnachtsmärkten Wa eln und Plätzchen verkauft, um ihren Mitschülern zu ermöglichen, sie mit nach Bonn zu begleiten!« Ich selbst bin auch ohne Plätzchen Fan. Bier habe ich auch getrunken. Und ich freue mich, eine Band bei ihrem Durchbruch erleben zu dürfen, die sogar ihre Physiklehrerin zum Fan hat.

 

   Das Bier macht sich bemerkbar und Gott-sei-Dank hält die Bus-Karawane auf mittlerer Strecke an einer Raststätte. Als sich die mechanischen Türen der fünf Busse synchron öffnen, schreit jemand enthusiastisch »Gruppenfoto!«, Gruppenfoto an der Tanke. Wie selbstverständlich versammeln sich auf dem Parkplatz der Raststätte Jungs und Mädels der Nachbardörfer, um ein Erinnerungsfoto für die Band zu schießen. Dennis, Enis und Jona mitten im Schwarm. Weiterfahrt. Bandbus. Roadtrip. Sauerland.

   »Auf Wiedersehen, Frau Kaufmann, wir sehen uns Montag«, grölt ein leicht alkoholisierter Passagier, bevor er torkelnd aussteigt. Wir sind da. Endstation ist das »Casa«, die It-Kneipe in Wenden, oder einfach nur die einzige. Nur volljährige Fans dürfen noch mit, da ist die Besitzerin streng – außer die Eltern sind dabei. Dennis presst mir im Vorbeigehen ein Glas Wodka an die Lippen, bah, aber gehört wohl dazu, hier in Wenden, oder zum Sieg einer ganz großen Rockband irgendwo in dieser Welt.

 

   Während ich gegen drei Uhr auf mein Taxi warte, frage ich Frau Kaufmann, wie sie denn nun nach Hause komme, da lacht sie und zeigt mit dem Finger nach oben. Sie wohnt über dem »Casa«. Als mein Taxi endlich kommt, wird der Fahrer von allen beim Vornamen begrüßt, man kennt sich. »Ja ja, wirklich, heute Abend! Gewonnen! In Bonn! TIL!«

 

   Auf dem Weg zu meinem Gasthof fahre ich am Dornseifer vorbei. Gestern hat Enis noch erzählt, dass sie dort ihr erstes Konzert hatten, Dornseifer, das ist ein Wurstverkäufer im Sauerland – mit viel Kundschaft.

 

   »Leave«, hieß der letzte Song, mit dem TIL sich in Bonn zum Sieg gespielt haben. Darin lautet es: »So, where could we go? Where is a place we don’t know?«

 

   Pläne, die man in seinem Jugendzimmer macht, denke ich im ICE zurück nach Hamburg, sind gute Pläne. 

 

 

 

___Anna Liset Ahlers, geboren 1993 in Berlin, lebt derzeit in New York, studiert Politikwissenschaften, verträgt Alkohol. 

 

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