Keine Hauptstadt

by David Baum 18.10.2016
Geburtshaus Adolf Hitlers, Braunau am Inn

Braunau. Eigentlich ist es ein sehr hübsches Städtchen an der Grenze zwischen Bayern und Österreich. Den sechstgrößten Kirchturm des Landes haben sie und ein wunderbares Wasservogelparadies. Manchmal könnte man beinahe vergessen, dass Adolf Hitler hier geboren ist. Doch dann kommen Skinheads und nennen die Stadt „Deutsch-Betlehem“ oder der tumbe Innenminister, der glaubt die unselige Geschichte ginge weg, indem man das Haus abreißt.

 

   Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir als Geburtstort nicht Braunau am Inn zuwies. Obwohl dort das nächste Krankenhaus gestanden hätte. Um ehrlich zu sein, war es auch weniger die Vorsehung, als die Mutter, die entschied, dass es passendere Orte als unsere oberösterreichische Bezirkshauptstadt gäbe, um einen Sohn zur Welt zu bringen. Irgendwas hatte es zudem mit der Krankenversicherung zu tun, aber das verwässert uns jetzt bloß die Geschichte. Jedenfalls fuhr die junge schwangere Frau, die meine Mutter an diesem heißen Julitag Anfang der Siebziger gewesen ist, über die österreichisch-bayerische Grenze, die dazumal noch so eine richtige, mit Zollbeamten, Schlagbaum, Grenzhäuschen und einer im Boden eingelassenen Panzersperre gewesen ist, und ließ mich nicht als Braunauer, sondern als einen gebürtigen Burghauser zur Welt kommen. Zwischen Braunau und Burghausen liegen genau 25 Kilometer und jene landschaftlich bezaubernde Stelle, an der die beiden Flüsse Inn und Salzach zusammenfließen, um gemeinsam Österreich und Deutschland voneinander zu trennen.

 

   In Burghausen geboren zu sein, habe ich stets als schicke Sache empfunden. Man teilt den Geburtsort mit diversen bayerischen Herzögen, Hannelore Elsner, über die natürlich heiße Storys aus der Jugendzeit kursieren, und fast mit Joseph Ratzinger, der aus einem bäuerlichen Vorort stammt. Außerdem lebte DJ Hell einige Jahre in Burghausen und prägte unseren jungen Musikgeschmack, aber wir schweifen ab. So wie gerade läuft das für gewöhnlich, wenn man etwas über Braunau sagen soll, man redet über anderswo, redet sich im eigentlichsten Sinne hinaus. Oder tut so, als wäre es eben ausschließlich diese hübsche Kleinstadt, in der man stolz auf seinen gotischen zudem dritthöchsten Kirchturm ganz Österreichs ist und das Wasservogelparadies unten am Fluss. Nicht mehr. Die Frage, wer an welchem Ort geboren ist, spielt in unserer Geschichte eine maßgebliche Rolle, denn auch Braunau hat berühmte Töchter und Söhne hervorgebracht, teilweise, vor allem aber den einen, Adolf Hitler. Man kann sich kaum vorstellen, wie nebensächlich das in der Zeit meiner Kindheit gehalten wurde. Die Leute im Bezirk Braunau sprachen ohnehin kaum über diesen Umstand, generell war von „dazumal“ die Rede, vom „Krieg“, und von der „schweren Zeit, in der es ja alle nicht leicht gehabt haben“, aber nie von „Nationalsozialismus“ oder gar „Holocaust“. Manchmal hieß es über den einen oder anderen, er sei ein „Nazi“, aber man betonte das so, als hätte man ihn einen „Strizzi“ oder „Bazi“ genannt. Der stets lustige ältere Oberförster, von dem oft gesagt wurde, dass er ein solcher und zwar glühender gewesen sei, war auch irgendwie der weltmännischste im Dorf, erzählte vom abenteuerlichen Afrikafeldzug und von der Malaria, die er sich da unten eingefangen hatte. Jemanden zu kennen, der schon die Malaria hatte, das fanden wir irre aufregend.

   Die Stadt war für uns im Braunauer Umland lebenden der Ort der Bezirkshauptmannschaft, man musste da hin, um sich einen Ausweis ausstellen oder sich die Mandeln herausoperieren zu lassen. Mir kam immer vor, dass die Braunauer mehr rauchten, als andere Leute. Wenn man nach dem Ausweisausstellen und nach dem Mandeloperieren in eines der Kaffeehäuser am Stadtplatz ging, konnte man nicht weit hineinschauen in das Kaffeehaus, so verraucht war es. Ich dachte manchmal, dass sich die Braunauer untereinander sicher am Klang ihres Lungenrasseln erkennen würden, wenn sie in einer ihrer zugeschwaderten Lokale saßen.

 

   Wir fuhren ohnehin lieber nach Burghausen hinüber, wo es Eiscafés gab und Bars und sogar ein bedeutendes Jazzfestival, ich erinnere mich, eines Abends mit dem Soulmusiker Maceo Parker an der Bar des Salzburger Hofs zu stehen gekommen zu sein und er über seine Zeiten mit James Brown plauderte. Das war was. In Braunau trat auch mal Reinhard Fendrich oder irgendein Kleinkabarettist auf. Die schicken Schallplatten und Klamotten, die man in Burghausen kaufen konnte, schmuggelte ich allesamt, mehr aus einem inneren Widerstand heraus, weil man mich von der Geburtsstadt per Staatsgrenze trennen wollte, aber zugegebenermaßen auch aufgrund einer gewissen Lust am Herzklopfen, das aufkam, wenn der Zollbeamte um das Moped herumging, und an den Seitenverkleidungen rüttelte, unter denen das Schmuggelgut versteckt lagerte. Man könnte es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass Adolf Hitler ausgerechnet als Sohn eines solchen Zöllners an dieser bayerisch-österreichischen Grenze 1889 geboren worden war und diese 49 Jahre später, damit also auch den früheren Arbeitsplatz seines verhassten Vaters an der Brücke zwischen Simbach und Braunau mit dem Einmarsch und Anschluss „seiner Heimat an das Deutsche Reich!“ zerstören sollte. Es wäre interessant, was Doktor Freud dazu gesagt hätte, den Arbeitsplatz des Vaters zu ruineren, aber der hatte im Jahr 1938 bereits heftig damit zu tun, seine Tochter aus Gestapo-Haft zu befreien und die Flucht nach England zu organisieren. Jetzt muss aber auch mal Schluss sein mit diesen Geschichten. So hieß es stets, wenn so ein Thema aufkam. 1986 eskalierte es, da wollten sie uns Österreichern sogar aus dem Ausland vorschreiben, schimpften die Österreicher, wen sie zum Bundespräsidenten wählen sollen, bloß weil einer der Kandidaten angeblich früher bei dieser SA gewesen sein soll. Jetzt muss aber auch mal Schluss sein mit diesen Geschichten, plapperten wir Kinder es nach.

   Der Frühling 1989 war, wie bekannt ist, ein bewegter. Die Welt blickte auf die Ereignisse, die Abrüstungsverhandlungen zwischen Ost und West, die ersten freien Wahlen in der Sowjetunion, den Abbau der ersten Meter Eisernen Vorhangs an der ungarischen Grenze. Wir in Braunau konnten uns kaum um das alles kümmern, denn bei uns geschah auch viel. Man bereitete sich auf den 100. Geburtstag Adolf Hitlers vor, beziehungsweise, wie die Festivitäten dazu verhindert werden könnten. Der Bezirk und besonders die Stadt glichen einer Festung, ich erinnere mich, zum ersten Mal im Leben diese gepanzerten Polizisten gesehen zu haben, die wie intergalaktische Soldaten aus einem Sternenkriegsfilm aussahen. An seinem 100. Geburtstag war der böse Geist also zurückgekehrt. Dass es einer Art kleiner Armee bedurfte, um den Zustrom von Neonazis aus aller Welt abzuwehren, machte klar, dass er nie ganz weggehen würde, dass man ihn der Stadt, die ja nun wirklich und objektiv nichts dafür konnte, trotzdem nie nachsehen würde.

 

   Auch seine Verehrer kommen immer noch nach „Deutsch-Betlehem“, wie Neonazis Braunau heiter bezeichnen. Und Schaulustige. Ein Schulfreund, der bis heute da wohnt, erzählte mir, dass er es sich zum Spaß gemacht hat, den Rechten, die nach dem Hitlerhaus fragen, zu einem falschen zu schicken und amüsiert zu beobachten, wie diese ehrfürchtig, vor einer belanglosen Bäckerei Andacht hielten. Viele waren es allerdings nicht. Das mit dem Haus ist ja auch so eine Sache. Es gehörte bis vor kurzem derselben Familie, die schon damals an den Zollbeamten Alois Hitler vermietet hatte. Die alte Dame galt als schwierig, verdiente wie es heißt eine stattliche Summe, indem sie das Gebäude dem Innenministerium überließ, die Anbringung einer Tafel habe sie aber stets verweigert. Stattdessen hat man einen Granitstein aus dem KZ Mauthausen davor gestellt und „Nie wieder Krieg und Faschismus“ darauf geschrieben. Schön allgemein. Der Name Hitlers steht nirgendwo. Nun wurde die störrische Dame allerdings enteignet. Der Bundesinnenminister hat sich – von einer Historikerkommission beraten – entschlossen, das Haus abzureißen. Als hätten Ziegelsteine, die stille Zeugen einer Geburt gewesen waren, Schuld auf sich geladen.

 

   Als ich die Gegend meiner Kindheit, die Heimat also, verließ, wurde Braunau zu meiner Überraschung erst richtig präsent in meinem Leben. Besonders auf Reisen. Auf dem Flughafen David Ben Gurion in Tel Aviv kontrollierte mich eine ausnehmend schöne junge Frau – immer diese Leute vom Zoll. Ich konnte so sehr in ihrem Gesicht lesen, wie sie überlegte, was ihr der Name der Ausstellungsbehörde meines Reisepasses wohl sagen könnte. Dann klingelte es bei ihr und ich musste natürlich mitkommen und Fragen über meine Großeltern beantworten. Das war aber weniger unangenehm, als Leute in arabischen Ländern, die wenn es bei ihnen ebenfalls klingelte, woher sie Braunau kannten, einem lächelnd den hochgestreckten Daumen entgegenreckten. Am schwierigsten ist England. Kein englischer Student darf deinen Pass zu sehen bekommen, wenn Du aus Braunau kommst. Unvorsichtigerweise ließ ich so einen beim Boat Race der Universitäten Oxford und Cambridge an der Themse einen Blick auf meinen Führerschein erhaschen. Etwa zehn Studenten standen daraufhin von ihren Pimm’s Bowlen auf und schmetterten mir ein fröhliches „Sieg heil, sieg heil!“ zu. Klassische Prinz Harry-Situation, man lernt belustigt zu lächeln. Ach ja, stimmt, die Sache mit dem Führerschein. Haben Sie den Gag entdeckt? Führer-Schein, in Braunau gemacht, haha. Funktioniert überall als große Pointe. Danach wollen alle deinen Lappen sehen.

   Vor einigen Jahren traf ich einen alten Bekannten wieder, der ebenso aus dem Bezirk stammt und den Braunau nie losgelassen hat. Aber anders als mich. Er liebt diese Stadt. Dabei hat Andreas Maislinger, so heißt er, richtig viel aufgestellt in seinem Leben. Zum Beispiel hat er den Gedenkdienst erfunden und geleitet, der es jungen Österreichern ermöglicht, ihren Zivildienst an internationalen Holocaust- und KZ-Gedenkstellen abzuleisten. Er hat die Sache mit der Herkunft und einem gewissen Auftrag, der sich vielleicht daraus ergibt, als einer der wenigen ernst genommen.

 

   Ob es mir schon mal aufgefallen sei, fragte er mich damals, dass unsere Gegend unvergleichlich sei in der ganzen Welt, man ihresgleichen nicht nochmal fände, denn zöge man einen Radius von 30 Kilometern dann wären darin nicht bloß der größte Verbrecher der Menschheit geboren, sondern auch das größte musikalische Genie, nämlich Mozart, und ein Papst, jawohl ein Papst, sowie der Komponist des bekanntesten Liedes der Welt, was „Stille Nacht, heilige Nacht“ erwiesenermaßen sei, nicht zu vergessen des Braunauers wichtigsten Widersacher des selig gesprochenen, jawohl von unserem eigenen Papst selig gesprochenen Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter. Und da sind Leute wie Trakl, Karajan, der Mathematiker Doppler und die ganzen bayerischen Herzöge noch gar nicht erwähnt. Mir wurde ganz schwindelig, wie bedeutsam unsere Heimat offenbar ist. Was war dagegen schon ein New York, ein London, ein Shanghai? Eben, sagte mein Freund Andreas, es hätte schon ein Mao etwa im direkten Umkreis von – sagen wir - Tschaikowsky und Johannes XXIII. zur Welt kommen müssen. Sowas gibt es eben kein zweites Mal.

 

   Doch was macht man mit der Erkenntnis? Andreas offenbar sieht es als Auftrag selbst zum Kreise derer zu gehören, die eines Tages genannt werden, wenn es um bedeutsame Persönlichkeiten aus den 30 Kilometer Radius geht. Das mit dem Gedenkdienst ist natürlich schon ziemlich gut. Jahrelang hat er zudem von Innsbruck aus, wo er lebt, die „Braunauer Zeitgeschichtetage“ organisiert und Großartiges in Bewegung gesetzt: Holocaust-Überlebende kamen nach Braunau, sogar der Oscarpreisträger Branco Lustig, der Auschwitz entkam und dann „Schindlers Liste“, produzierte, reiste eigens an und sprach mit den Braunauern. Inzwischen leitet ein pensionierter Gymnasialdirektor die Veranstaltungsreihe, statt meines Freundes Andreas.

 

   Die Braunauer haben gelernt. Erst haben sie dazugelernt, Projekte erfunden und diskutiert, mit denen sich die Stadt offensiv des Erbes, stellen könnte. Dann kamen neue Bürgermeister, neue Bezirkshauptmänner. Die haben auch gelernt, wie man die Sache zwar nicht vertuscht, aber auch nicht zu viel Aufhebens darum macht. Die „Zeitgeschichtetage“ machen sie inzwischen selbst, ohne allzu viel Aufsehen oder gar Medieninteresse. Statt der Holocaust-Überlebenden, kommen Experten und Fachreferenten und tragen vor. Der neue Bezirkshauptmann schäumt geradezu vor Halbaktivitäten, er hat den ganzen Braunauer Bezirk zum „Friedensbezirk“ ernannt, überall großen Tafeln aufstellen lassen.

 

   Das Haus an Adresse Vorstadt 15 in Braunau steht noch da. Aber nicht mehr lange, wie es heißt. Ein reicher Russe, stand vergangenes Jahr in der Klatschpresse zu lesen, wolle es kaufen und abreißen lassen. Jahrelang hatte man hier Behindertenwerkstätten untergebracht, eine schöne Idee eigentlich. Hitler hätte es jedenfalls irre geärgert, doch das Haus war nicht barrierefrei. Die örtlichen Sozialdemokraten wollten eine Wohlfahrtsorganisation unterbringen. Mein Freund Andreas Maislinger hat allerdings noch im Auftrag des alten Bürgermeisters eine andere Idee entwickelt, nämlich das Konzept eines „Hauses der Verantwortung“. Er wollte, dass junge Stipendiaten aus aller Welt in ausgerechnet diesem Haus über Völkermord sprechen und forschen, sich vielleicht als Betroffene sogar über eigene Erfahrungen austauschen können. Oscar-Preisträger Branco Lustig hat schon seine Unterstützung zugesagt, wie auch Wiens Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer oder Hitler-Biograph Ian Kershaw.

 

   Die Stadt und der Bezirkshauptmann aber scheinen zu hoffen, dass die Welt wenn schon nicht Hitler, wenigstens diese Idee vergessen würde. Wieso interessiert sich bloß niemand für den Friedensbezirk? Dabei haben sie im Geburtsort des Komponisten von „Stille Nacht“ sogar einen Friedensweg mit riesigen hässlichen Kunstwerken, die alle Kontinente der Welt zeigen, errichtet. Nun hat der Innenminister, von Beruf Musikschullehrer, eine Entscheidung getroffen.

 

   Ich liebe es, hin und wieder über die Brücke nach Burghausen zu spazieren. Die Grenze ist theoretisch noch da, aber die Zöllner von einst sind lange in Rente, die Schlagbäume abgeräumt. Ob es wohl viel Mühe gemacht hat, diese Panzersperre auszuheben? Demnächst werden sie auch das Haus abreißen. Es ist eine gute Entscheidung, hat die Expertenkommission gesagt, ist sich der Innenminister sicher.

   Sie glauben, dass nichts mehr darauf hinweisen wird, dass hier der fürchterlichste Mensch der Menschengeschichte geboren wurde. Dabei bauen sie bloß ein weiteres Denkmal der Verleugnung und der Verweigerung. Sie bauen eine Lücke.

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